Archiv der Kategorie Lebensbilder / Schicksale

Gunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar

dekker-gotfried-benn.jpgGunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar, Aufbau-Verlag, 2006

Diese Buchbesprechung habe ich 2006 zum 50. Todestag des Dichters verfasst

Mit Gunnar Deckers Buch über Gottfried Benn hat uns, 50 Jahre nach dem Tod des Dichters, eine umfangreiche Biografie über den bedeutenden Lyriker erreicht, der über sich selbst nichts erzählen wollte, Decker aber sehr bemüht ist, feine Details aus seinem Leben darzulegen und  Benns Charakter und sein Denken akribisch zu durchleuchten. Gottfried Benns kurzzeitige Verwicklung mit den Nazis nimmt verständlicherweise sehr breiten Raum ein, klärt auf, rückt die Fakten zurecht, dabei gibt Dekker dem Leser einen kleinen wertvollen Wink mit auf dem Weg. Es geht um den Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann F.W. Oelze:

“Dieser Briefwechsel ist eine Schatzkammer! Und nebenbei, aber nicht nebensächlich: Benns Ehrenrettung für die Zeit von 1933 bis 1945. Denn diese Briefe zeigen die Chronologie seiner Abwendung von den Nazis. Die Abwendung ist gründlich.” (Decker, S. 205).

Eine Schatzkammer deshalb, weil Benn über sich selbst persönliches schreibt. Er vertraut Oelze mehr an als seinen Ehefrauen und Geliebten:

“Jeden Tag denke ich daran, was es für Sie bedeuten muss, in diesem trostlos niedersächsischen Industrie-und Beamtendorf zu leben -: Sie können allein sein! Was für ein wirkliches Glück schliesst diese Tatsache ein! Keine Familie, keine offizielle Geselligkeit, keine Gaffer und Schnüffler, keine verkalkten Moralkontrolleure beiderlei Geschlechts mit erhobenem Zeigefinger und unbequemen Drohungen, keine Beerdigungen und Diners - das ist ja, wo ich hin möchte, wo ich endlich hin muss.”
(an Oelze, 1936, in Decker S.206)

Normalerweise pflegt er das anders:

“Eine mündliche Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht.”

(an Oelze, in Decker, S. 204).

Was für einen Charakter hatte Benn? “Geburtstag eines Nihilisten” nennt Dekker ein Kapitel.  Über  seinen 60. Geburtstag schreibt Benn an Oelze aus dem “zerstörten Berlin”“Lieber Herr Oelze, zu meinem 60. Geburtstag beschenke ich mich selbst damit, Ihnen einen Brief zu schreiben….keine Besuche, keine familiären Aufläufe, Essen mit dem Dienstmädchen in der Küche, die mich ins Gespräch zog über ihr neues Kostüm, das am Rücken noch nicht sässe, dann Patienten u. im übrigen kein Wort gesprochen.” (in Decker, Seite 373)

Fremden Menschen geht er aus dem Weg, hält auch mal Verabredungen nicht ein. Notorisch schüchtern, aber nicht nur dass. Mit Ehefrau Edith Osterloh wohnt er nicht zusammen, besuchte sie Sonntags für kurze Zeit,  empfindet es als störend, mit ihr eine Tochter zu haben, sitzt lieber in seiner Wohnung im Dämmerlicht. Herta von Wedemeyer heiratet er, weil er jemanden für seinen Haushalt braucht.  Der Tod beider hat  ihn aber schockiert, für eine Geliebte finanziert er die Beerdigung, obwohl er für deren Selbstmord nicht schuldig war.  Gertrud Zenses, die er mit liebevollen Kosenamen überschüttet, widmet ihr ein Exemplar seiner Gesammelten Schriften und schreibt hinein:

“Man denkt, man dichtet
gottweiß wie schön.
Und schließlich war man
bloß hebephren.”
……….

Was mag die Frau nur gedacht haben?

Gottfried Benn, Facharzt für Haut - und Harnleiden,  behandelt meist Geschlechtskrankheiten, übrigens gerne auch ohne Honorar, wenn Patienten kein Geld haben. 1914 arbeitet er als Militärtarzt in einem Prostituiertenkrankenhaus in Brüssel. 1928 wendet er sich in der Schrift “Dein Körper gehört Dir” gegen den §218.  Schön, dass Gunnar Dekker dies erwähnt, war Benn doch sonst nicht sozial engagiert. Als Arzt sah Benn natürlich das Leid der Frauen. “Die Armen versuchen es mit Stricknadeln, schmutzigen Spritzen, Seifenlaugen und heißen Bädern. Benn weiß sogar vom stundenlangen Kitzeln der Brüste, vom pausenlosen Beischlaf, um die Gebärmutter zu sprengen.” (Decker, Seite 154). Ürsprünglich wollte er Psychiater werden, dazu kam es aber wegen seiner eigenen ungünstigen psychischen Disposition nicht.  Der Mediziner Werner Rübe diagnostiziert in seiner Untersuchung “schizothym”, nahe der Psychose (Werner Rübe, Provoziertes Leben, Stuttgart, 1993): “überempfindlich, gefühlsabweisend, kühl, kontaktarm und introversiv” (in Dekker, Seite 52).  Ein bürgerliches Berufsleben  war ihm wegen schneller psychischer Ermüdbarkeit nicht möglich. Dekker spricht “von ein bis zwei Stunden geistiger Hochspannung am Tag” in der er schöpferisch tätig sein kann (ebd. Seite 52).

Seine frühen expressionistischen Gedichten von 1912 (“Morgue und andere Gedichte”) bringen ihn mit einem Schlag ins Licht der Öffentlichkeit. Er schrieb sie unter dem Eindruck seiner Sektionslehrgänge im Moabiter Krankenhaus.  Gunnar Decker stellt zwischen den “Morgue”-Gedichten und dem Vanitas-Gedicht  des barocken Dichters Andreas Gryphius eine Verbindung her: “Wisse den Tod in dir, unter der Haut zeichnet sich schon das Skelett ab.”(ebd. Seite 63). Das Gottvertrauen verloren, so sieht Dekker in dem Gedicht “Der Arzt”, Nietzsches Ruf vom Tod Gottes (“Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch-: …”, Seite 65).

1915 wurde Gottfried Benn verpflichtet, als Militärarzt der Exekution der engl. Spionin Edith Cavell zugegen zu sein. Brisant daran, als im Jahre 1928 über diesen Vorfall Benns Bericht im Berliner >>8-Uhr-Abendblatt<< erschien, war er immer noch davon überzeugt, dass die Erschießungs rechtens war, obwohl wir heute wissen, dass hinter den Kulissen um das Leben der Edith Cavell gerungen wurde.  Im Personenregister der Benn-Biografie von F.J. Raddatz sucht man vergeblich nach dem Stichwort Edith Cavell. Dekker beschäftigt sich über sechs Buchseiten mit diesem Fall.  Das schaurige ist, 13 Jahrerspäter reflektiert Benn nicht darüber, sondern lässt alles so wie es ist: Militärischer Befehl und fertig. Gottfried Benn war ein unbeugsamer Fatalist. Für Benn sah das nach Dekker so aus: “Krieg kann nicht anders als grausam sein, denn Krieg bleibt immer ein Teil derGeschichte. Und Geschichte ist nur ein anderes Wort für die Abfolge mehr oder weniger sinnvoller Grausamkeiten.” (Seite 93).

Gunnar Decker beleuchtet den Fall Edith Cavell sehr ausführlich aus verschiedenen Blickwinkeln.  Der Autor widmet sich auch über Gottfrieds  Benns Verstrickungen mit dem Nazionalsozialismus aüßerst akribisch.  Erstaunlich, was Dekker hier zu Papier bringt, alles quellenorientierte Biografiearbeit. Zusammenfassend lässt sich  sagen, Benn habe sich dem Nationalsozialismus kurzzeitig angebiedert, ohne ihn wirklich zu durchschauen. Gottfried Benn erhoffte sich mit einem  starken  NS-Staat “eine Neubelebung der Kunst” (Dekker, Seite 254).  Und das ist vielleicht sein größter Irrtum, denn den Faschisten oder Nationalsozialisten geht es nur um absolute Macht, nicht um Kunst.  Benns Schrift “Antwort an die literarischen Emigranten” (1933) ist für Dekker “ein frappierender Absturz des demokratieverachtenden Dichters in die Niederungen einer verbrecherischen Politik…Eine furchtbare Trivialisierung des Begriffs vom Barbaren liegt Benns Parteinahme für die Nazis zugrunde.” Er mißverstand Nietzsches Frage nach den Barbaren, die auf “Ursprung, Mythos und Natur” gerichtet war. Eine “herrschaftliche Rasse” wächst aus “furchtbaren und gewaltsamen Anfängen” heraus (Zitate, Seite 231). In “Die Dorische Welt”(1934), schreibt Benn, “die Antike Gesellschaft habe auf den Kochen der Sklaven geruht,…, >>die schleifte sie ab, oben blühte der Staat<< . Apollo, als Synonym für Sparta, trat als >>große züchtende Kraft<< zwischen Rausch und Kunst.” Bis hierhin folgt Benn Nietzsche. Doch will er den Nationalsozialisten unterkriechen und verteidigt die Macht, die sich mit Hilfe von Gewalt festigt.

Doch Benn bekam Schwierigkeiten mit dem NS-Staat, begonnen mit dem Vorwurf des Nazideologen - und - dichters Börries von Münchhausen  (1933/34),  er sei ein Jude.  Benns Schriften “Lebensweg eines Intellektualisten” und “Der deutsche Mensch - Erbmasse und Führertum”(1933) sind von diesem Vorwurf beeinflußt, verteidigt er doch darin vehement seine Herkunft aus einem evangelischen Pfarrhaus.  Tatsächlich, für die Nazis war Gottfried Benn kein Willkommensgruß, strich ihn der NS-Ärztebund schon 1933 von einer Arztliste, die bestimmte Atteste ausstellen durften, und mit dem Statement  “Die Zeitalter enden mit Kunst, und das Menschengeschlecht wird mit Kunst enden” (”Dorische Welt”, in Dekker, Seite 256) schrieb er sich schon 1934 von den Nazis weg.  Benn pflegte seine privaten politischen Vorstellungen, die nicht nazikonform waren.  So schrieb er 1936, den Verbrechern längst den Rücken zugewandt, am 25. September, an Oelze:

“Gegen die moderne Kunst wird jetzt die schroffste Ton - und Gangart eingeschaltet…alle Museen haben die modernen Bilder unverzüglich zu entfernen…”

(in Decker, Seite 256).

1936 kommen Benns Gedichte ins Visier der Nazis. Auf Druck der Parteiamtlichen Prüfungskommission der NSDAP müssen vier Gedichte aus den >>Ausgewählten Gedichten<< herausgenommen werden (D-Zug, Untergrundbahn, O Nacht -:, Synthese). Im März 1938 wir er aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen und erhält Berufsverbot. Grund:  Ihn könne man nicht die für die Tätigkeit als Schriftsteller erforderliche Eignung zubilligen. Das Schreibverbot wurde erst 1948 aufgehoben. Die “Statischen Gedichte”, die seinen Spätruhm begründeten, erschienen in diesem Jahr aber im Schweizer Arche-Verlag.

Eine Biografie im wahrsten Sinne des Wortes. Gunnar Decker geht es um Benns  Persönlichkeit und um seinen  Weg als Künstler.  Auf das Werk wird sekundär eingegangen, besonders gerne aber dann, wenn sich durch sein Werk Aufschlüsse zu seiner Person ergeben.  Natürlich geht Gunnar Dekker auch auf die berühmtem Gedichte ein, die der Dichter in Hannover verfasste (”Einsamer nie” u.a.). Eine Biografie wie ich sie mir wünsche:  Um Sachlichkeit bemüht, und sehr lebendig geschrieben. Ich mochte das Buch nur sehr ungerne aus der Hand legen.

Wladimir Solowjow/Elena Klepikowa: Der Präsident, Boris Jelzin - eine politische Biografie

Mein Anliegen , eine Biografie über Boris jelzin zu lesen, lag in erster Linie darin, ich wollte wissen, wie das mit den Tschetschenien-Kriegen begonnen hatte, die dann von Wladimir Putin weitergeführt wurden. Diese Biografie, die in erster Linie eine politische Biografie ist, hebt hervor, dass Boris Jelzin völlig anders war, als seine Vorgänger. Schon seine Taufe war ungewöhnlich. Der Pope war betrunken und tauchte Boris in einem mit Wasser gefüllten Zuber, vergaß aber , ihn wieder herauszunehmen. In ihrer Geistesgegenwärtigkeit holte die Mutter den kleinen Boris, bevor er ertrinken konnte, aus dem Wasser. Durch diese Lebensrettung konnte Boris Jelzin später zum ernstzunehmenden Rivalen Gorbatschows werden und das russische Volk bekam seinen Helden und Verteidiger.

Gorbatschow holte ihn nach Moskau. Vom 24.12. 1985 bis zum 13. November 1987 war er Erster Parteisekretär im Kreml. Mit seinen Reformen verärgerte er Gorbatschow. Jelzin war ganz anders, als die Ersten Parteisekretäre vor ihm. Er verzog sich nicht hinter die Mauern des Kremls, sondern benutzte öffentliche Verkehrsmittel, tauchte unerwartet in Fabriken und Betrieben auf, gab Pressekonferenzen, beantwortete geduldig alle Fragen. Jelzin gefiel „sein Image als Einfaltspinsel vom Lande“ (Seite 39). Im Ural ist er geboren, in Swerdlowsk. Populismus wurde ihm vorgeworfen, weil er sich offenbar die Beliebtheit des Volkes auf der Straße holte. In den Warteschlangen vor den Geschäften stand er geduldig wie andere Moskauer auch. Moskau war damals „ein Augiasstall der Korruption, des Diebstahls und der Vetternwirtschaft (Seite 44) und „Jelzin, groß, stämmig, mit festem Schritt und physischem Durchhaltevermögen, mit unermüdlicher Energie und leicht aufbrausend,“, sollte den Augiasstall ausmisten. Er wollte die Probleme Moskaus lösen. Die problematische Wohnsituation vieler Moskauer, z.B. hausten 28000 Bürger in Bretterbuden, das Energieministerium war in der Kirche untergebracht, in der Puschkin getraut worden war. Diese Behörde sollte nun verlegt werden, eine 60 km lange U-Bahnstrecke sollte entstehen usw. Seine Ziele waren sehr groß, aber in den achtzehn Monaten seiner Amtszeit konnte er all das nicht schaffen. Die Liste seiner Vorhaben war sehr lang. Am Ende war er ein Ausgestoßener.

Jelzin war als Moskauer Parteichef Mitglied des Politbüros, allerdings nur als Kandidat ohne Stimmrecht. Hätte er seine Beliebtheit nicht verspielt, wäre er Vollmitglied mit allen Sonderprivilegien geworden. Diese Privilegien wollte er allerdings abschaffen, z.B die gepanzerten SIL-Limousinen, die vom Volk als „Särge“ bezeichnet wurden. Wenn so ein Sarg an eine Ampel kam, wurde sie auf grün geschaltet. Das Landei Jelzin konnte sich mit so etwas nicht anfreunden, er wollte auch die Datscha nicht, die Gorbatschow ihm überlassen wollte. Er lehnte alle Sonderrechte ab.

Zitat von Solowjow/Klepikowa



„Er war der einzige russische Herrscher, der es bis auf die Spitze des Eisberges geschafft hatte und dann wieder hinunter ins Tal abgestiegen war, ganz aus freien Stücken. Das war sein größter Bruch mit der alten Kremltradition.“


(Seite 55)

Usus war, man geht erst wenn man stirbt oder ausgestoßen wurde. Mit Jelzins Kampf gegen Privilegien wuchs das Missvergnügen in hohen Parteikreisen. Er wurde zum Rebell gegen Gorbatschow. Die Rivalität zwischen ihnen hatte persönliche und politische Gründe und begann, als Gorbatschow die Kontrolle seiner eigenen Revolution verlor. Er speiste seinem Kopf mit der fixen Idee, Jelzin sei am allen Schuld, was immer auch geschah. Außerdem drohte Gorbatschow an ihm den Rang an Beliebtheit beim Volk zu verlieren.

Boris Jelzin war der erste und ich denke, bisher der einzigste, der gegen die Kremlbonzen rebellierte. Am 21. Oktober 1987 hielt Jelzin eine vierminütige Rede, die nicht nur für ihn, sondern für das ganze Land Folgen hatte. Es kursierten diverse Gerüchte, was Jelzin an diesem Morgen wohl gesagt haben mag. Erst achtzehn Monate später wurde diese Rede veröffentlicht. Wir bekommen sie in dieser Biografie auch nicht gleich aufgetischt, sondern erfahren erst die Reaktion des Kreml-Areopags (Im Kreml wird alles protokolliert, die Quellen werden als Zitat aufgetischt). Das ist von den Autoren dieser Biografie bewusst so angelegt. Lasse man den Leser doch etwas warten, die Weltöffentlichkeit musste damals auch warten, bis sie die Rede zu lesen bekam. Ein herrlicher Trick. Immerhin ist ein Auszug dieser Rede abgedruckt, natürlich hätte ich diese gerne vollständig gelesen. Jelzin kritisierte u.a. die Bummelei in Sachen der Umsetzung der Perestroika. Das war natürlich ein Angriff auf Gorbatschow. Die Reformen wurden zu lahm umgesetzt, sodass auch die Bevölkerung den Glauben daran zu verlieren drohe. Die erste wichtige Konsequenz, die ich aus dieser Biographie zu ziehen habe, ist die, dass, wenn wir an die Perestroika denken, neben Gorbatschow auch Jelzin im Auge behalten müssen. Damals, um 1990, ich kann mich noch daran erinnern, dass nur Gorbatschow im Mitelpunkt des Weltintereses war.. Gorbatschow bekam auch den Friedensnobelpreis und Boris Jelzin wurde der erste postsowjetische Präsident Russlands. Ein Wunder, denn 1988 wurde er erst einmal seines Amtes im Kreml enthoben. Man wollte ihn loswerden, doch er kam zurück, 1989 in den Kongress der Volksdepurtierten. Was für eine mutige, an sich markante unübersehbare Persönlichkeit.

In unserer Biographie folgt ein siebzigseitiges Kapitel, in dem die unterschiedlichen Charaktere Jelzin/ Gorbatschow dargestellt werden. Zeitweise hatte ich den Eindruck ich lese eine Doppelbiografie, aber der Schwerpunkt wendet sich schließlich doch auf Boris Jelzin. Beide haben den gleichen Jahrgang und kommen vom Lande. An den beiden hätte Plutarch seine Freude gehabt. Der Verdienst dieser Biographie liegt auch darin, dass die Autoren den westlichen Leser vor Augen führt, dass Gorbatschow in den Jahren des Übergangs, 1990/91 von den Moskauer Bürgern sehr kritisch gesehen wurde. Boris Jelzin war viel beliebter. Das hatte folgenden Grund:

Es ging die Angst herum, eine Diktatur könne sich festigen. Während die künftigen baltischen Staaten schon eine Richtung zur Demokratie einschlugen, indem die Zentralisierung einer Partei aufgegeben wurde, war es in Moskau umgekehrt der Fall. In der Umsetzung der Demokratie war Gorbatschow viel zu zögerlich, und man konnte sogar einen Rückschritt zur Festigung der Diktatur beobachten. Im Herbst 1990 baute Gorbatschow seine Macht mit zusätzlichen Vollmachten im Kreml aus. Aus Protest trat Eduard Schewardnadse als Außenminister zurück. Er sagte aus:

Zitat von Schewardnadse


„Eine Reform geht zum Teufel! Eine Diktatur wird kommen. Ich erkläre das mit voller Überzeugung. Niemand weiß, was für eine Diktatur das sein wird, wer der Diktator ist und wie sein Regime aussieht.“


(Seite 288).

Einen Monat vorher kritisierte Schewardnadse Gorbatschow intern wegen des Massakers, welches russische Panzer in der litauischen Hauptstadt angerichtet hatten. Gorbatschow gab sich daraufhin unschuldig. Dazu sei von mir bemerkt, Gorbatschow bekam 1990 den Friedensnobelpreis für die Beendigung des Kalten Krieges und für seinen Beitrag für die Deutsche Einheit, nicht aber für die Zustände in der Sowjetunion. Am 19. August gab es gegen Gorbatschow den Putsch, der damals durch die Weltpresse ging.

Die Autoren dieser Biografie erweisen sich als detaillierte Kenner sowjetischer Verhältnisse. Sie selbst sind aus der Sowjetunion emigriert, und unternahmen in der Zeit zwischen Frühling 1990 und Herbst 1991 drei Reisen in die Sowjetunion, um dieses Buch schreiben zu können. In den USA hatten sie Kontakte zu Moskauer Freunden. Aufgrund der politischen Ereignisse im August 1991, mussten die Autoren, deren Biographie schon zur Hälfte geschrieben war, ihre Arbeit unterbrechen und feilten an der Einleitung dieser fantastischen Biographie. Den Autoren gelingt es, tief hinter die Kremlmauern zu schauen, was für mich etwas ganz besonderes war, denn noch niemals war ich so tief in der Sowjetunion drin, wie in diesem hervorragendem Werk. Gegen Ende des Buches, die Autoren standendamals unter Zeitdruck, denn der Termin zur Veröffentlichung des Buches kam immer näher, geben die Autoren eine ausführliche Analyse des Putsches und deren verworrende Hintergründe.
Zu Beginn dieser Buchbesprechung habe ich über meine Motivation gesprochen, eine Jelzin-Biographie zu lesen, um zu erfahren, warum Boris Jelzin mit den Tschetschenien-Kriegen begonnen hat. Diese Antwort muss mir ein anderes Buch geben, denn diese Biografie schließt mit dem Jahre 1991. Über dem letzten Kapitel lesen wir ein Zitat des römischen Historikers Livius, was ohne weiteres auf Jelzin ebenso zutrifft wie auf Hannibal:

„Hannibal, du verstehst zu siegen, aber wirst du deinen Sieg auch nutzen können?“

Krzysztof Meyer: Schostakowitsch

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Diese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht.  Natürlich sind solche Vorwürfr bodenloser Unsinn.  Die Sowjetbonzen, das zeigt diese Biografie auch, hatten keine Ahnung von Musik und Kunst. In dem Artikel steht drin, die Musik verneine die Oper, der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist soll sich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw…

 

Wenn wir über Schostakowitchs Studienjahre lesen, können wir leicht erkennen, dass sich ein Generationswechsel von Komponisten vollzieht. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ähnlich erging es auch Maximillian Steinberg, Schostakowitschs Lehrer im und Konservatorium.

 

„Als Schostakowitsch kam und mir seine Aphorismen zeigte, sagte ich ihm, dass ich nichts davon verstünde, und dass mir diese Musik völlig fremd sei.“

 

Zeitweise musste Schostakowitsch Angst haben, selber verhaftet oder umgebracht zu werden. Künstler in seinem Umkreis fielen dem Stalinterror zum Opfer. Ab 1946 setzte eine harte Welle von Repressalien ein. Alles was aus dem Westen kam, wurde verteufelt: Jazz, Unterhaltungsmusik, Zwölftonmusik als Kakophonie verpönt. Besonders auch Literaten wurden verfolgt. Krzysztof Meyer hat den richtigen Weg eingeschlagen, und schreibt in Extrakapiteln über sowjetische Kulturpolitik. Natürlich dürfen wir nicht denken, Schostakowitsch habe unter dieser Diktatur keine Erfolge gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Im Grunde genommen galt Schostakowitsch den Sowjets sogar als Vorzeigekomponist, obwohl, dafür gibt es genügend Hinweise, der Komponist sich niemals der Kremldiktatur unterworfen hat. Das zeigt auch diese Biografie. Schostakowisch befand sich ständig im Kampf, sich nicht völlig unterkriegen zu lassen. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Stalingrad, erwarteten die Staatsbonzen eine heitere Symphonie des Sieges, Schostakowitsch aber einer sehr lange Symphonie des Trauers komponierte, die Achte, die zu den größten Meisterwerken des Komponisten zählt. Sie gedachte der Opfer. Die Symphonie Nr. 9, die dann wirklich den Sieg symbolisiert, ist zwar sehr heiter, aber ziemlich kurz. Ale er 1960 quasi mehr oder weniger gezwungen wurde, der Komunisischen Partei beizutragen, vergoss er sehr viele Tränen. Es ist kaum zu verstehen, wie Schostakowisch den Druck durch den Staat aushalten konnte. Immerhin schrieb er seit seit seinen Jüdischen Liedern, 1948, viele Jahre lang nur für die Schublade.

 

Da Krzysztof Meyer, der Autor dieser Biografie, selbst Komponist ist, erfahren wir über die Musik Schostakowitschs sehr viel. Viele Werke werden beschrieben, und dieses kann auch ohne große Bildung in Musiktheorie gut verstanden werden. Diejenigen, die Musiknoten lesen können, erfreuen sich sicher über die zahlreichen Notenbeispiele. Meyer ordnet ein, welche Stellung einzelne Musikwerke im Gesamtschaffen des Künstlers haben. Meiner Ansicht nach sollte während der Lektüre auch die besprochene Musik gehört werden. Eine gute Chance, sich in diese Musik zu vertiefen, da auch Meyer uns in seinen Beschreibungen  einen Zugang zur Musik öffnet. Schostakowitschs Musik ist mal traurig, dann lustig, grotesk, witzig. Das Hörstudium seines Werkes hat mir deutlich gezeigt, dass seine Musik ein reichliches Spektrum von Emotionen ausdrückt. Einige Symphonien und andere Werke kannte ich ja schon, neu hinzugekommen ist besonders meine Aufmerksamkeit auf seine Streichquartette. Auch für Leser, die sich für ein Künstlerleben in der Sowjetunion interessieren, ist die Beschäftigung mit Schostakowitsch unerlässlich. Es ist natürlich verständlich, dass Meyer als Komponist insgesamt genauer über die Musik zu schreiben weiß als über Sowjethistorie. Als Ergänzung bieten sich Bücher des Historikers Kurt Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“) o.a. an. Wahrscheinlich ist es dem Autoren dieser Biografie nicht anzulasten, dass wir in dieser umfangreichen Biografie verhältnismäßig wenig persönliches über den Autor erfahren. Schostakowitsch war etwas schüchtern, hatte nur sehr wenig intimere Freundschaften, und zeigte sich in manchen Situationen doch etwas merkwürdig, was nicht unbedingt jeder außenstehende verstand. In dieser Hinsicht wissen wir sicher viel mehr über Beethoven, als über Schostakowitsch.

 

„Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.“

 

Der Anhang ist vorbildhaft. Neben Werkverzeichnis und anderen Selbstverständlichkeiten finden wir auch Inhaltsangaben der Opern „ Die Nase“ und „Lady Macbeth von Mzensk“.

Fritz Zorn: Mars

Fritz Zorn ist das Pseudonym eines Züricher Millionärssohnes und Gymnasiallehrers, der in einer konservativ geprägten bürgerlichen Familie aufwächst, an Depressionen erkrankt und mit 32 Jahren an Krebs stirbt. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Zorn von der gekünstelten Harmonie in seiner Kindheit. Vermeidung von Streitgeprächen, die Familie ist immer einer Meinung, d.h. es wird ausnahmslos der Meinung des Vaters gefolgt. Von einem Schulkamerad wird Zorn gefragt, ob er Autos mag. Zorn denkt, er mag Autos und sagt “Ja”. Es stellt sich aber heraus, der Kamerad mag keine Autos. Zorn auch nicht, aber er hatte gelogen. Auf diese Weise die gekünstelte Harmonie der Einigkeit in praktischer Weise ins Absurdum geführt wird, aber Fritz Zorn aus dem Korsett der großbürgerlichen Starrheit nicht mehr herauskommt. Die Themen Religion und Sexualität waren tabu. Die Mentalität von Zorns Eltern kann man nur verlogen und unehrlich bezeichnen, belügen sie Sie sich doch selbst, wenn sie die Kirche für respektabel halten, von Gott aber nichts wissen wollen. Wahrscheinlich liegt dem ein Gesellschaftszwang  zugrunde. Andere gehen in die Kirche, also wir dann auch.

„Mein Unglück besteht daraus, daß ich nicht das sein kann, was ich will“
, sagt Zorn.

Zorn weiß wie wichtig Liebe und Sexualität ist und erkennt, dass dies sein größtes Defizit ist. Seine Neurose, die als Depression, und wie er sagt, als „emotionaler Idiotie“ ausbricht, manifestiert sich später in den Krebs. Mich nervt aber dieser pseudomedizinische Esoterikkram Zorns über den seelischen körperlichen Krebs, demnach man Krebs bekomme, wenn man sein Leid in sich hineinfrisst und, weil die Seele schon so sehr Krank ist, könne sie nicht mehr zum Widerstand gegen den Krebs behilflich sein. Diese Wüsteneien spitzen sich dahin zu, dass seine Eltern am Dilemma seines Lebens schuld sind. Seine Jugend im Eimer, weil er nie eine Freundin hatte, sein Erwachsenenalter ebenso geschlechtstrocken. Unfähig für zwischenmenschliche Beziehungen, Depression und Krebs. Die Schuldigen sind die Eltern:

Zitat von Zorn


Jeder neue Tumor, der sich als geballte Ausbuchtung aus meinem glatten Körper hervordrängt, scheint mir aus der Tiefe seines psychosomatischen Ursprungs heraus die ins Teuflische verzerrte Fratze meiner dämonischen „Eltern“ darzustellen,…


Natürlich weiß ich, er sucht Orientierung und Sinn in seinem ganzen Leid, trotzdem, diese Abstrusitäten immer wieder vorgekaut zu bekommen, ist anstrengend. Fantastereien eines Todkranken, verzweifelt einen Halt suchend.

Vermurkst ist sein Exkurs über Liebe, Sex und Freud als Einheitsmixtur und findet auch noch eine Verbindung zum Christentum, dort aber nicht Sex sondern Agapé gemeint ist, außerdem Freud in späteren Schriften eine viel erweiterte Auffassung vom Eros vertrat als Sex, Zorn dies aber nicht wusste, stattdessen er aber weiterhin dauernd sein Minderwertigkeitsgefühl beklagt, welches sich aus seiner Sexlosigkeit ergibt.

Das Buch ist keineswegs aufbauend. Diese scharfe Kritik an seine Eltern, einerseits verständlich, dass seine in gedämpften Niederungen schwelende Emotionen jetzt endlich mal aufbrechen, allerdings letzten Endes doch eine unreife Verarbeitung seines Hasses ist, alles auf seine krebsüblen Eltern zu beziehen. Allerdings ist Zorn durch seinen frühen Tod die Chance verwehrt worden, sein Schicksal sinnvoll verarbeiten zu können. Da er mit seinem Hass natürlich nicht weiterkommt, dreht er sich im Kreise herum, wurstelt in seinen Problemen herum, findet in dem gewurstele keinen Ausgang mehr. Auch wenn ich noch zwanzig Seiten zu lesen habe, kann ich schon jetzt dieses Buch niemanden weiterempfehlen, weil zumindest ich keinen Sinn daraus ziehen kann, einen Menschen zu belesen, der ständig nur im Irrgang seines Hasses verweilt. Natürlich blinkt Mitgefühl, schließlich möchte man so einem Menschen helfen, aber durch seine Imkreisedreherei treibt er mich als Leser nur in Abgründe der Hilfslosigkeit mit dem Wissen, das Leid war irgendwann doch mal vorbei. Am 2. November 1976. †

Peter Noll: Diktate über Sterben & Tod

Dem Schweizer Juristen Peter Noll, Freund von Dürrenmatt und Frisch, wird Blasenkrebs diagnostiziert. In einem Tagebuch vom 28. Dezember 1981 - 30. September 1982 lesen wir seine „Diktate über Sterben & Tod“, doch sie enthalten viel mehr, politische Ansichten, philosophische und religiöse Überlegungen, wir erfahren, dass Trotzki die Atomenergie vorausgesagt hat und Johann Peter Hebel ein Gedicht über die Vergänglichkeit geschrieben hat, darin wir lesen können, wie Basel nach einem Atomkrieg aussieht. Goethe habe im Zauberlehrling die Unbeherrschbarkeit der Technologie vorausgesehen. Es wandelt sich die Aussagekraft von Gedichten im Wandel der Zeiten. Jedes Jahrhundert hat seinen eigenen Blick.

Wie sieht es nun mit dem Blick auf den Tod aus? Weiterleben um jeden Preis? Peter Noll steht die Menschenwürde an erster Stelle.

Zitat von Peter Noll


Ich will nicht in die chirurgisch-urologisch-radiologische Maschine hineinkommen, weil ich dann Stück um Stück meiner Freiheit verliere.

Also keine Operation. Sein Tod solle zelebriert werden, die Gemeinde solle sich mit dem Tod auseinandersetzen. „Nichts soll vertuscht, nichts verharmlost werden, auch den Ausweg der Verdrängung möchte ich versperren.“ Peter Noll legt den Finger in die Wunde christlicher Gläubigkeit, die meist zu verhöhnender Gelegenheitsgläubigkeit verschrumpft ist.. „Wir alle kommen ja nur noch zu Beerdigungen in einer Kirche“, ( man könne hier ergänzen, evtl. noch zu Trauungen), so wird Christentum nicht gelebt, sondern nur gestorben, im letzten Atemzug noch überlegt, vielleicht gibt es doch ein ewiges Leben oder die schwierigste Christenfrage „Was ist Auferstehung?“ - Jesus ist physisch auferstanden, es gebe doch Zeitzeugen, trotzdem, ich weiß, mein Körper verwest doch – hier könnt ich endlos weiterspinnen, aber genau das meint doch Peter Noll. Wir gehen in die Kirche, hören eine Predigt, die schön ist, und am Montag wird wieder gesündigt. Die Praxis des Christentums ist unausgegoren.

Zitat von Peter Noll


Die Exaktheit der Diagnose hat, verglichen mit der Ungewissheit des therapeutischen Erfolges, etwas Absurdes….Der Tumor hat die Blasenwand völlig durchwachsen, und so wie man Tumore eben kennt, will er weiterwachsen.

Noll liest „Mars“ von Fritz Zorn, über einen jungen Mann, der über seine Krebserkrankung schreibt, mit 32 Jahren stirbt. Das Buch ist genau das Gegenteil von dem uns vorliegenden Tagebuch. Zorn, hier passt der Name, schreibt voll Hass und Zorn, offenbar auch über seine bisherige Vergangenheit völlig verbittert. Dieses Buch zu lesen, wäre für mich wahrscheinlich schrecklich. Es ist erstaunlich, wie es Peter Noll gelingt, ein erbauliches Tagebuch zu Papier bringen. Er hat sehr viel zu erzählen, und wenn er über Schmerzen schreibt, dann labt er sich nicht darin, wie entsetzlich das ist, im Gegenteil, er schreibt ziemlich nüchtern:

Zitat von Peter Noll


Meine Schmerzen sind jetzt da, stumpf und schwer, aber ich kann nichts über sie aussagen, weil ich mich auf keine fremde gleichartige Erfahrung berufen kann.

Im Gegensatz zum Tier kann unser Gehirn an den „Tod“ und an „Gott“ denken. Trotz dieser Besonderheit werden diese Gedanken heutzutage gerne verdrängt. Wir sind den Schimpansen ähnlich, lesen wir, schauen uns den toten Verwandten kurz an , befühlen ihn und wenden uns ab. Für Freunde wäre es einfacher, ein Krebspatient liege im Krankenhaus, schon abgeschoben, vielleicht verabschiede man sich noch, das war’s. So beobachtete Peter Noll einen Schwund an Freundeskontakten. Ich denke mir, für einen Kranken ist es doch immer schön, wenn er Kontakte pflegen kann, Freunde unbeschwert auf ihn zu kommen können. Aber es liegt eben in der Luft, Menschen meiden die Berührung mit dem Tod. Ein Krebskranker steht schon mit einem Bein außerhalb unseres Daseins, wohin niemand möchte. „Noch totaler verdrängt ist die Gottesvorstellung“, sagt Noll, auch in meiner Umgebung, so habe ich den Eindruck, laufen mehr Agnostiker und Atheisten herum, obwohl bei religiös-fundamentalistischen o.ä. Richtungen heute eher ein Zulauf zu beklagen ist (Nolls Tagebuch erschien posthum 1984). Noll hat die Begabung sehr feine kompakte Zitate an den Mann zubringen, die sich für mehr noch als nur für Kalenderblätter eignen. Drei Beispiele:

Zitat von Peter Noll


Das Gehirn denkt Gott. Das heisst nicht, dass es ihn geben muss, das heisst aber zwingend, dass die Frage nach ihm unabweislich und dass der empirische Positivismus eine lahme Ente ist.

Zitat von Peter Noll


Die Bedürfnislosigkeit macht freier als die Erfüllung aller Bedürfnisse.

Zitat von Peter Noll


Der Todkranke, der sich der medizinischen Apparatur übergeben hat, ist wirklich hilflos, weil die Hilfe, die er bekommt, kalt ist.

Überrascht war ich, als Peter Noll über Hoimar von Ditfurth’s Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ erzählt. Das Buch vermittelt „die Idee,“ so Noll, „die Evolution der Welt sei die noch im Gange befindliche Schöpfung und ihr Ende münde ins Jenseits, wo der Geist herrsche, ist imposant und plausibel.” Das ist famos und erinnert mich an Ken Wilber „Halbzeit der Evolution“. Von Hoimar von Ditfuth habe ich „Am Anfang war der Wasserstoff“ gelesen und wusste gar nicht, dass der Autor spirituell veranlagt ist. Das Buch strahlt von Optimismus, Peter Noll gibt hier einen leichten Dämpfer, denn er weist darauf hin, der Autor verschweige schamhaft, „dass das Gesetz der Evolution, jedenfalls auf dieser Erde zur Vernichtung führen wird.“ Ich denke, Noll hat das Wettrüsten der Atommächte im Hinterkopf. Nun, unseren blauen Planeten gibt es heute noch.

Epilog

Was bringt es, sich zu verewigen, sei es in Weltliteratur, Musikgeschichte oder Kunstgeschichte. Falls man „nach dem Tode in irgendeiner Form als dieselbe Persönlichkeit weiterlebt“, kann dieses doch egal sein. Der Drang nach Verewigung, so Noll, setze voraus, dass man an eine Existenz nach dem Tode nicht glaube. Der Autor schließt in dieser Hinsicht allerdings die magischen Vorstellungen der Alten Ägypter aus, für die das Jenseits nur ein verlängerter Arm des Diesseits gewesen war. Die „Diktate über Sterben & Tod“ sollen nicht von Ewigkeitsvorstellungen geleitet sein, nur davon, der Leser möge „sich mit Sterben, Tod und Jenseitsvorstellungen schon im Leben auseinandersetzen“. Die Bewusstheit, das Leben ist begrenzt, hat für den Autoren dieser Diktate einige Vorteile verschafft. Die Sinnoasen suche er sorgfältiger aus, manches werde zur Sinnoase, wofür er früher achtlos vorbeigegangen sei. Unwichtiges wird beiseite gelassen, er konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das, was wirklich noch wichtig ist. Ich denke, Menschen, die sich in ähnlicher Situation befinden, geht es ähnlich wie Herrn Noll. Unser aller Leben ist begrenzt. Wenn wir das Bewusstsein haben, der nächste Atemzug könne unser letzter sein, dann wären wir Menschen wirklich in der Gegenwart angekommen und würden uns keine Gedanken oder Sorgen um den nächsten Tag machen. Vor der Lektüre habe ich nicht wissen können, welche Freude mir dieses Buch schenken würde.

PS: Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch - hierin schreibt er über den Tod seines Freundes.

Johannes Willms: Stendhal

Knapp über die Hälfte der Biografie hinausgekommen mausert sich diese Biografie zu einem Zeugnis eines Menschen, der von einer Frau zur nächsten geht, ähnlich wie Fabrizio in der Kartause. In der ersten Hälfte der Biografie sich noch nicht abzeichnet, dass Stendhal ein großer Schriftsteller werden wird, er nur ein Frauenjäger, ein Mensch, dem sein übermäßiger Geschlechtstrieb eigentlich schon zur Last geworden sein muss, der seinen Trieb sofort befriedigen muss, sich gleich verlieben muss, wenn ihm eine schöne Frau unter die Augen kommt, ich mich schon ernsthaft fragen muss, ob das nicht einfach nur Sexsucht ist. Es ist wahrlich nicht übertrieben, wenn ich sage, auf (fast) jeder Buchseite gehe es um Frauen in Stendhals Leben. Korrektur: Nach der Lektüre wird es dem Leser so erscheinen, als ob….

Unter anderem in den Œuvres intimes, seinen Tagebüchern, schrieb Stendhal über seine Frauengeschichten. Was Stendhal dort loslässt geht teilweise an jugendfrei vorbei. Was mir tatsächlich in den Kopf schoss war, Stendhal hätte ein gehobener pornographischer Schriftsteller werden können. Was soll ein Biograf wie Johannes Willms schon machen, wenn so ein Tagebuch (offensichtlich) voll von Liebeleien ist. Er schreibt darüber, natürlich, und was Willms gut hinbekommen hat, ist, Stendhals Psyche in Bezug auf den Eros zu durchleuchten. Das ist eine wesentliche Leistung dieser Biografie.

Ein wenig pausiert das Frauenthema, wenn Stendhal mit Napoleon gen Russland zieht (logisch). Stendhal ist ein Beispiel dafür, wie ein Mann vom Geschlechtstrieb geknebelt werden kann, seine große Liebe aber niemals finden wird. Stendhal war niemals verheiratet. Eine Frau war erobert, und schon verlor er wieder Interesse. Fabrizio erging es auch so. Nur eine Frau liebte er über Jahre hinweg: Victorine Mounier (na,ja, in Mailand gab es auch eine langjährige unerfüllte Liebe, davon später). Sie zeigte ihm nur die kalte Schulter, er bekam sie nie. Sie war Stendhals Dulcinea, die ewige Liebe, der er nachträumte, die unerreichbar blieb.

Zitat von Stendhal


Ich habe sie sehr geliebt, auch wenn ich ihr nur siebenmal in meinem Leben begegnet bin. Alle anderen Leidenschaften waren nur ein Wiederschein von dieser.

(Correspondance générale I,60; in Willms Seite 60/61)

„Es ist“, so formuliert Johannes Willms treffend

Zitat von Johannes Willms


völlig gleichgültig, dass Victorine vermutlich nicht entfernt jenem Idealbild entsprach, das er sich machte. Sie diente ihm wie andere Frauen lediglich als Projektionsfläche, als beliebiges Gefäß seiner Träume von vollkommener Liebe, von wunschlosem Glück. Stendhals enttäuschte, nicht erhörte Passion für Victorine Mounier liefert das Grundmuster für das Leiden an der Liebe, das seinem Leben den eigentümlichen Sinn geben sollte.

(Willms, Seite 68)

Stendhal war ein Träumer, zumindest in seinen jungen Jahren. Er verschlang viele Bücher, auch solche, die der Jugend nicht zugänglich sein sollten und erlag dem Wahn, die Literatur mit der Realität zu verwechseln. Als er erstmals in Paris war, glaubte er allen Ernstes, er könne die Pariser Szene „als ein Valmont aus den >Liaisions dangereuses<…betreten.” (Willms, Seite 40)

Zitat von Stendhal


Ich kenne die Menschen nur aus den Büchern und es gibt Leidenschaften, von denen ich nirgendwo sonst Kenntnis erhalten habe.

(Pensées, Filosofia nova, in Willms, Seite 59; )

In den Œuvres intimes I 180, bekennt Stendhal, er habe, bevor er Victorine nach drei Jahren erstmals wiedersah, genau vorgestellt wie seine Erwartungen von Glück sein werden, die er sich während der drei Jahre ausgemalt hatte, und als er sie sah, realisierten sich seine Erwartungen. Johannes Willms schreibt (Seite 65/67), er sei noch von dem ihn verehrten Rosseau beeinflusst gewesen, der in Les Confessiones seine Begegnung mit Madame d’ Houdetot ähnlich geschildert hat.

Als ich las, Stendhal habe in Romanen das reale Leben erblicken wollen, musste ich daran denken, wie der Franzose aus Renaissance-Geschichten seinen letzten großen Roman gestaltete. Er schrieb Die Kartause von Parma mit einem Fuß in der Renaissance weilend, obwohl die Handlung des Romans zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu setzen ist. Hier mag sich Stendhals Träumerei in wunderbarer Weise in einem Roman gespiegelt haben, oder die Romantik. Als im Jahre 1800 Napoleon den St. Bernhard Pass in Richtung Oberitalien überschritt, war Stendhal als Hilfsarbeiter im Truppenverwaltungsdienst dabei und „träumte sich wieder in die Rolle eines strahlenden Helden von Ariost“(Willms, Seite 45), genauso wie es Fabrizio in der Kartause bei Waterloo getan hatte. In Italien lernte Stendhal die Musik Cimarosas kennen und lieben. Julien Sorel bricht im Roman „Rot und Schwarz“ in Tränen aus, als er eine Arie Cimarosas vernimmt, und in der Kartause verliebt sich Fabrizio bei Cimarosas Klängen in Clelia (vgl. Willms, Seite 48) Es macht mir Spaß zu entdecken, was die Romane über Stendhal selbst erzählen.

Stendhal war sehr ehrgeizig und wollte unter Napoleon zum Kriegskommissar aufsteigen, war aber auf seiner Reise nach Deutschland im Jahre 1806 dem Kriegskommissar nur als Stellvertreter zugeteilt. Die Bürokratie langweilte ihm schließlich dann doch, er wollte in die Schlacht. Stendhal schien aber nicht wirklich der Typ eines heldenhaften Soldaten zu sein, waren doch diese Ziele dadurch vergällt worden, weil er den Auftrag bekam, Pferde-und andere Tierkadaver von den Straßen zu befreien. Auf einer Reise durch Süddeutschland sah er grausame Restbestände des Krieges: Tierkadaver, Uniformstücke und Helme bei Landshut. Der Anblick übel zugerichteter Soldatenleichen gaben ihm den Rest. In Wien ging es ihm besser, er begegnete wieder schönen Frauen (vgl. Wilms Seite 102/103). Den Russlandfeldzug 1812 hatte er allerdings noch vor sich.

Stendhals große Liebe war selbstverständlich Italien, vielleicht letzendlich doch besser so. Was sollte er als Kriegsminister? Ich frage mich, ob die Liebe zu Italien ihm diesen Ehrgeiz doch genommen hat, als Beamter des Krieges Schlachten zu verwalten (was immer so einer mit so einem Job auch tun muss). Die Œuvres intimes legen auch Zeugnis von seiner großen Liebe zu Italien ab. Italien bedeutete ihm alles, es habe seinen Charakter geprägt, er verbrachte dort seine süßen Jugendjahre,usw schrieb er (vgl. Willms, Seite 134) und wird dort etwa ein Drittel seines Lebens verbringen. Was für ein Gegensatz zum Krieg, dem er sich mal mit Leib und Seele verschreiben wollte.

Aus dem Russlandfeldzug schrieb er:

Zitat von Stendhal


Kannst du dir vorstellen (….), dass ich kurz davor bin, loszuheulen? In diesem Ozean der Barberei ist kein Ton zu vernehmen, der mir zum Herzen klingt. Alles hier erscheint der Physis wie der Moral als grobschlächtig und stinkend.

(Correspondance générale II, 352, Willms, Seite 149)

Bleibe er lieber in Italien, wo sein Herz erklingt.Nach der Ära Napoleons I. geht es darum, wie Stendhal nach Bonaparte finanziell überleben kann, es folgen einige unerfüllte Liebesbeziehungen, die Stendhal in seine schlimmste Krise stürzten: Selbstmordgedanken, vier Jahre Keuschheit. Es erfolgt auch der Aufstieg zum angesehenen Schriftsteller, mit dem Schreiben er so manches Liebesleid überwinden konnte. Weiterhin die unerfüllte Liebe zur Mailänderin Métilde Dembowski. Die Folgen waren besonders tragisch. Dieses war wirklich Liebe, die völlig unerwartet in Stendhals Leben fiel, keine Liebelei, keine Abenteuerei wie in seinen jungen Jahren, Métildes Abweisung Stendhal in eine bisher nie dagewesene Sinnkrise führte. Vielleicht sah Stendhal in Métilde seine letzte Chance, die große Liebe zu begegnen. Métilde, damals 28 Jahr alt, hatte zwei Kinder und war geschieden. Einmal reiste er ihr durch mehrere italienische Städte hinterher, nur um sie zu sehen. Doch das hatte furchtbare Folgen. Stendhal wurde, Johannes Willms vermutet, von Métildes ehemaligem Gatten, dem General Dembowski, denunziert. Er wurde verdächtigt, ein Spion der französischen Regierung zu sein, ein gefährlicher Liberaler. Sogar Fürst Metternich soll seine Hand im Spiel gehabt haben, sodass er Mailand für immer verlassen musste, dem Metternich Jahre später noch seinen Tod wünschte. Noch zehn Jahre später, klagte er über den Verlust, Mailand den Rücken gekehrt haben zu müssen. Als Stendhal aus Mailand floh, er ging schon auf die vierzig zu, hatte er, so darf ich wohl sagen, sein Leben fast verloren. „Mehr und mehr versank er in einer Depression die ihn, bezeichnend für sein Empfinden des Versagens, davon abhielt, frühere Kontakte in Paris neu zu knüpfen“, so Johannes Willms auf Seite 191.

Trotzdem fällt doch auf, Stendhal ist schon um die vierzig. Was ist denn nun mit dem Schriftsteller Stendhal? Er hat sehr spät angefangen. Ursprünglich wollte er Dramen schreiben. Im Nachhall der Liebe zu Métilde veröffentlichte er 1822 sein Buch „Über die Liebe“, darin es mehr oder weniger um seine Liebesleiden geht, zum Romandebut „Armance“ dauerte es noch fünf Jahre. Wie für Balzac war auch für Stendhal der Journalismus eine Fingerübung, die schließlich zu den Romanen führte. Ein wenig unrühmlich begann Stendhals Weg als Schriftsteller mit Plagiaten. An seinem ersten erfolgreichen Roman „Rot und Schwarz“ wurde u.a. der völlig neuartige Stil gelobt.

Zum Ende hin, schwenken wir den Blick auf die Biografie an sich. Merkwürdig, Willms klammert Stendhals Interesse für die Archäologie gänzlich aus und der aufmerksame Leser darf sich fragen, was aus seinem Interesse an der Mathematik geworden ist, die ihm ja von Jugend her begeistert hat. Ich sonst von dieser Biografie sehr angetan bin, die in den Anmerkungen auf 793 Quellen, meist Primärquellen, verweist, beim Lesen dieser Biografie ich aber nie den Eindruck hatte, der Autor zitiere zu viel und schreibe zu wenig. Nein. In dieser Hinsicht ist das Buch sehr ausgewogen, und Johannes Willms zeichnet das Leben eines Liebenden und eines Schriftstellers sehr detailliert nach, der als Beamter große Karriere machen wollte, aber nur Konsul in einem kleinen langweiligen italienischen Städtchen wurde. Selbstverständlich fällt es auf, Johannes Willms schreibe nursehr wenig über die Romane, dabei aber zu bedenken ist, es handelt sich um eine Biografie und nicht um eine Werkanalyse. Klar geworden allerdings ist, Stendhal verewigte einige Frauen seines Lebens in den Romanen. Über Die Kartause von Parma“ heißt es, der Roman sei „…die Summe all seiner Leidens – und Glückserfahrung in der Liebe…“. Die Chartreuse sei „insofern recht eigentlich das >Buch Stendhal<.“ (Willms, Seite 281).

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