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Bartholomäus Grill: Ach, Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents

 Der Autor war politischer Redakteur der „Zeit“ und wurde 1993 als Korrespondent nach Afrika entsandt.

 

 

 

 

Wir Europäer können Afrika nur aus der europäischen Perspektive betrachten. Das Buch beginnt mit der Frage, ob ein Europäer überhaupt in der Lage sein kann, ein Buch über Afrika zu schreiben. Afrika ist in vieler Hinsicht ein unbekanntes Land. Wir verstehen nicht eine einzige der vielen afrikanischen Sprachen. Was halten wir von den Medizinmännern? Bitte mal ganz ehrlich. Ist das esoterischer Humbug? Wenn die traditionelle Medizin nicht weiterhilft, geht man zum Medizinmann. Grill trifft einen, der großes Ansehen hat, weil er heilen kann, aber gegen Aids kann er auch nichts machen. In Afrika fühlt sich ein Europäer weiß. Er fällt auf, wie ein Fremdkörper. Ich selber denke auch, Afrika zu verstehen ist äußerst schwierig. Grill spricht von ziemlich krassen Gegensätzen. Das erste Kapitel sehr treffend mit „Im afrikanischen Wechselbad“ tituliert. Mal einige Stichworte, die auch genannt werden: Dürre, Hunger, Seuchen, Krieg, Massenelend, Slums in der Ebene von Kapstadt, ein Kind stirbt am Hunger, Massengrab in Ruanda, Kindersoldaten. Ist Afrika schrecklich? Nur ein „Herz der Finsternis”?

 

 

Nein. Es gibt auch die schönen Seiten: Den Tanz der Masken bei den Dogon mitzuerleben, ein gewöhnlicher Urnengang in Mosambik verwandelt sich in ein Volksfest der Demokratie. Bewunderung der Kreativität in der Armut, ihre Langsamkeit, ihren Gleichmut zu schätzen wissen. Schönheit kann aber auch blenden. Grill erzählt, sie

 

 

„stehen im milchigen Frühlicht, die ersten Sonnenstrahlen fallen in die Fluchten eines Palmenhains, handtellergroße Falter steigen aus dem Gras …..Aber der Nebel weicht, es wird hell und heiß, zwischen den Baumreihen entdecken wir Männer mit Macheten. Es sind Lohnsklaven, und das Idyll ist eine Plantage….“

 

 

In Afrika kann man sich buchstäblich verfransen. Das was wir als Feldweg bezeichnen würden, gilt im Kongo als Straße, auf der man stündlich mit einem Geländewagen nur 17 Kilometer vorankommt. Und dann gibt es Abzweigungen, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, und die Reisegesellschaft in die Orientierungslosigkeit katapultieren können. Einmal falsch abgebogen und……

 

 

Afrika, der große unbekannte Kontinent. Grill zitiert aus dem Tagebuch von Michel Leiris, der sich an einer Expedition mit dem Ethnologen Marcel Griaule beteiligte:

 

 

„Ich verzweifele daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag.“

 

 

Fragen wir mal anders herum: Würde ein Afrikaner und Europäer verstehen?

Ein Auslandskorrespondent, wie der Autor einer ist, ist

 

„eine Art moderner Kannibale, der sich am Elend Afrikas bereichert und sich nicht viel anders verhält als eins die Kolonialherren, nur dass er nicht Elfenbein, Tropenholz, Diamanten oder Kautschuk plündert, sondern Bilder und Informationen. Mit diesem Material fabriziert er das miserable Image Afrikas….“

 

 

Batholomäus Grill schreibt in einer gehobenen Sprache und tastet sich sehr behutsam in den Schwarzen Kontinent hinein.

 

 

 

Afrika in seiner Ganzheit zu erfassen wird uns vielleicht nie gelingen. Oder doch? Ahnenkult, Fruchtbarkeitsrituale, Regenmacher, „Stahlgewitter über Somalia, Mordbrennende Kindersoldaten, Hunger, Seuchen, Massenelend.“ In Afrika gibt es den Katastrophenjournalismus, Journalisten, die von einem afrikanischen Land ins nächste tingeln. Ryszard Kapuściński kritisiert, dass „diese Journalistenkeine Ahnung haben, wo sie sich kulturell befinden, sie arbeiten ohne historisches Hintergrundwissen.“ Wir Europäer lenken meist auch nur unsere Aufmerksamkeit auf das Hungerelend, auch wenn es das nicht überall in Afrika gibt. Positive Seiten Afrikas gehen da schnell unter. Sensationsmeldungen lassen sich eben besser verkaufen, als hintergründig tiefschürfende Information. Auf diese Weise ein Wissen über Afrika nur in oberflächlichen Gefilden herum irrt. Sinngemäß sagt das Grill so.

 

 

Im Folgenden präsentiert der Autor eine historische Bilanz von Fehlurteilen und Vorurteilen über Afrika, die seit den Bekenntnissen des Göttinger Professors Christoph Meiners, also seit 1790, die Menschheit beeinflusst haben. Meiners ist so eine Art Vorläufer der Rassisten Arthur Gobineau und Houston Stewart Chamberlain, Meiners nur übelste Verleumdungen für Schwarze übrig hatte. Aus solche Vorurteilen dann auch das dämliche Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ entstanden ist. Man sieht, welchen Einfluss solche Rassisten haben können. Grill stellt fest, das Meiners Ansichten schon einer langen Tradition von Denkern anhaften und verweist auf Aristoteles, der von sich gelassen hat, die Griechen hätten das Recht, über die Barbaren zu herrschen, sie hätten ja eine angeborene Servilität, sogar Hegel habe, so Grill, “das philosophische Fundament der kolonialen Ideologie“ geschaffen.

 

 

Wo liegen die Ursachen für Afrikas Armut? Da gibt es die Einschätzung mit rassistischen Untertönen, die auch in Universitätsseminaren zu hören ist, dass nämlich „die Afrikaner ihr Elend selber verschuldet haben; sie seien eben rückständig, korrupt, ja unfähig sich zu entwickeln.“ Eine andere Ansicht geht dahin, dass der Aberglaube der Afrikaner der Hauptgrund ihrer Misere seien. Die zweite Meinung, so Grill, kommen aus dem Lager der Gobalisierungsgegner und Dritte – Welt – Bewegten, denn sie sind überzeugt, „dass die Not Afrikas durch Außenmächte verursacht werden.” Grill weist darauf hin, dass afrikanische Realitäten komplizierter und vielschichtiger sind, als dass eine dieser Theorien zutreffen könne, sagt aber auch, beide Erklärungsversuche haben einen wahren Kern.

 

 

Der Autor weist auf die besonderen geograhischen und klimatischen Verhältnisse hin, auf Naturkatastrophen und Seuchen – ein Kontinent der Extreme. Die geographischen Verhältnisse haben einen sehr ungünstigen Einfluss auf die Wirtschaft, da sich viele afrikanische Staaten sich im Binnenland befinden. Der Transport von Waren selbst und die Transportkosten zum Problem werden. Außerdem wurden Länder von Europäern und Arabern ausgebeutet und mit dem Sklavenhandel setzte die Globalisierung ein.

 

 

„Die Kolonialherren hinterließen verbrannte Erde“

 

 

verwüsteten das Land, machten Landstriche unbewohnbar.

 

 

Afrikaner machen gerne die Kolonisation für ihre Misere mitschuldig. Doch ganz so einfach ist das nicht. In Afrika wird auch sehr schlecht gewirtschaftet Grill nennt Beispiele, u.a. Kongo und Nigeria. Über Nigeria schreibt Chinua Achebe, es „ ist einer der korruptesten, abgebrühtesten, untüchtigsten Landstriche unter der Sonne.“

 

 

„Die einheimischen Eliten machten nach der Unabhängigkeit genau dort weiter, wo die Kolonialherren aufgehört hatten: Sie übernahmen ihre Positionen und Privilegien, die Schreibtische und Swimmingpools,, die Seidenbetten und die Dienerschaft.“

 

 

Um dieses Problem zusammenzufassen, übernehme ich noch eine Aussage des Autoren:

 

 

„Die Not der Völker Afrikas wird fortdauern, weil es seinen Eliten an den Mitteln, am Know – how und am Willen fehlt, sie zu überwinden.“

 

 

Besonders interessant finde ich das Kapitel „Das Alte stirbt“ Hier geht es um den Kontinent, der zerrissen ist zwischen Tradition und Moderne. Auch das schriftstellerischen Werk von Ngũgĩ wa Thiong’o erzählt viel davon. Das Volk der Betamaribé (Benin, Westarfika) konnte aufgrund seiner Abgeschiedenheit Sitten und Gebräuche seit der Eisenzeit bewahren, dagegen konnten islamische Religionskrieger, christliche Missionare und Kolonialherren nichts ausrichten. Doch wie lange die „Modernisierungswalze“ hier noch aufgehalten werden kann ist ungewiss (das erinnert ein wenig an Mario Vargas Llosa ’s Roman „Der Geschichtenerzähler“).

 

Eine streitlustige Afrikanerin Namens Axelle Kabou fällt sehr kritisch über Afrika her und macht sich dort unbeliebt. Sie versteckt sich aber nicht vor bitteren Wahrheiten.

 

 

„Sie weinen ihrer paradiesischen Vergangenheit nach. Sie leben psychologisch im Mittelalter. Sie bringen nichts zustande, um ihre Not zu überwinden...“ usw.

 

 

Axelle Kabou verfasste eine Streitschrift. Afrika am Abgrund.

 

„Sie macht nicht nur machtkranke Staatschefs und korrupte Eliten für die Malaise des Kontinents verantwortlich, sondern auch das ganz normale Volk, jeden Einzelnen.“

 

Das Problem ist, Afrikaner glauben immer noch, sie müssen wegen dem Leid der Kolonialherrschaften Rettung aus dem Westen bekommen. Die Opfer – und Bettlerhaltung werde durch „die Humanitätsduselei naiver weißer Helfer bestärkt.“ Albert Schweitzer schrieb schon, den Afrikanern fehle der „Fortschrittswille“. Kabou, so Grill, übersieht manches, z.B. dass die Modernisierung der Gesellschaft aufgepfropft worden ist. Das mag stimmen, wir im Westen wollen alle Demokratisieren, uns einmischen usw. Ein Volk muss aber auch dazu bereit sein. Kabou spricht von einer Verweigerung der Modernisierung.

 

 

Ein wichtiger Aspekt in diesem Kapitel werden durch die Naturreligionen eingenommen. In Nigeria gibt es 1700 Gottheiten. Für jedes kleines bisschen gibt es Schutzgeister, Dämonen, die Ahnen, die immer noch wirkungsmächtig, real existieren. Mal eine Zahl: Schätzungen zufolge, wurden zwischen 1994 und 1998 in Tansania 5000 >Hexen< umgebracht. Eine Welt, die für manche christliche Missionare eine grauenhafte Vorstellung sein müsste. Aber, wir wissen ja, das Christentum ist aus dem Heidentum entstanden und Grill findet Parallelen der Naturreligionen zum „alpenländischen Katholizismus“. Grill selbst erlebte diese Atmosphäre in den Alpen: ein vielköpfiges Pantheon von Heiligen, die in der Not helfen (St. Florian, Antonius usw.). Zu Ostern wurden geweihte Eierschalen an den Ecken der Äcker gestreut, man trieb dem Vieh böse Geister aus und vieles mehr. Aberglaube ähnlich wie in Afrika. In großen Zügen exportiert Nigeria das Christentum.

 

 

„Die moslemische Mehrheit im Norden wird gegen Andersgläubige aufgehetzt von einer Oberschicht, deren macht seit dem Ende der Militärdiktatur erodiert.“ Der nigerianische Präsident Obusegun Obasanjo bagatellisierte in Gegenwart vom Autor die Zusammenstöße von Christen und Moslems, dabei sind Tausende gestorben, Moscheen und Kirchen brannten. Der Kampf der Kulturen, über den P. Huntington ein Buch geschrieben hat, hat in Nigeria schon längst begonnen, sagt Grill.

 

 

 

In den folgendem Kapiteln geht es um den Big Man, den Präsidenten diverser Staaten. Grill beginnt mit der Elfenbeinküste.ich habe den Namen noch nie gehört:Houphouet - Boigny. Ominipräsent wie ein Gott. Auf Briefmarken, auf T- Shirts. Fernsehnachrichten sind wie seine Hofnachrichten. Bilder auf dem Flughafen der Haupt: viril und ewig jung usw. Kritik der Opposition wird nicht geduldet, der Staat ist sein Eigentum. Wenn er mehr Geld braucht, wird eben mal was gedruckt. Es ist doch logisch, dass dort nichts vor sich geht, wenn sich Big Men nur um ihr aufgeblähtes Ego kümmern.

 

Mobutu Sese Soko Kuku Ngbendu heißt „der Gockel, der alle Hennen deckt.“ Das war der Präsident von Zaire, der bis bis zum Halbgott brachte. Grill ist einem Dutzend dieser Big Men begegnet. Die Gemeinsamkeiten dieser Leute fasst er so zusammen:

 

 

„Das obsessive Festhalten an der Macht, die Verteidigung ihrer Alpha-Position mit allen erdenklichen Methoden.“

 

 

Für Richard von Weizsächer war Robert Mugabe noch ein „kluger, besonnener, Politiker“, als Weizsächer auf Staatsbesuch in Simbabwe war. Mugabe hat aber das Land künftig so heruntergewirtschaftet, dass aus der ehemaligen Kornkammer Afrikas ein Land der Armut mit sechs Millionen hungernden Menschen geworden ist. Für das Zerstörungswerk brauchte er 20 Jahre (1980- 2000). Und dann für den zum Big Man geworden sein Kampf um den Machterhalt. Er wird immer unbeliebter, zum ersten Male stellt sich ihm jemandenüber. So zieht er künftig mit Gewalt und Raub über das Land:

 

 

„Seine Reservearmeen…besetzten Farmen, die sich nach wie vor in der Hand weißer Großgrundbesitzer befinden, und überziehen die Provinzen mit einer regelrechten Terrorkampagne: Sie foltern, plündern, vergewaltigen, töten.“

 

Mugabe will sich die geraubte und erschwindelte Heimaterde wieder zurückholen. Er selbst wurde in Kolonialzeit von Weißen gejagt und misshandelt. Als Machthaber fühlt er sich wie ein Mesisas oder Moses, ein Vollstrecker der Geschichte, der , so Grill, noch recht bescheiden lebt. Er heiratete aber „eine luxusgeile First Lady“, die eben einen negativen Einfluss auf ihn hatte.

 

 

Nach dieser Vorführung einiger Big Men wundere ich mich doch, dass es in Afrika demokratische Bewegungen gab. !989, nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, gab es in Afrika in verschiedenen Staaten demokratische Bewegungen. In Südafrika erwartete man das Ende der Apartheid, Namibia wird unabhängig. Diverse Staaten waren im Umbruch. Doch diese Umbruchsstimmung währte nicht lange. Mobutu, koguleischer Führer sagte nur, sie seien Demokraten, weil ihn verschiedene europäische und amerikanische Sponsoren den Geldhahn zudrehen wollten. Halbherziger Demokratiewille. Es gab immer nur eine Partei im Kongo.

 

In Kenia ist zur Jahreswende 2002/2003 ein Big Man abgewählt worden. Der neue im Staate, Mwai Kibaki, ist ein Ökonom. Ob er die Wende geschafft hat, konnte Grill in seinem Buch nicht mehr berücksichtigen. In Uganda z.B. ist ein demokratischer Versuch gescheitert. In den krisengeschüttelten Ländern scheint es schwer zu sein, Demokratien zu verwirklichen. Die Hoffnung darin schwindet auch sehr schnell, wenn es im anschließenden Kapitel um postkoloniale Gewalt geht. Je weiter im Buch fortgeschritten wird, senkt sich doch ein düsterer Geist über mein Gemüt. Afrika ein grausames Land? In Somalia sind dem Autor einige Geschosse über dem Kopf geflogen.

 

 

„Die Zahl der Landminen in Angolas Erde – rund zehn Millionen – übersteigt die Zahl seiner Einwohner.“

 

1975 wird die Caetano-Diktatur in Portugal durch die Nelkenrevolutuion gestürzt. Die Kolonialherrschaft in Angola ist beendet. Seitdem herrscht dort aber „ein korruptes marxistisches Regime. Von einer Katastrophe in die nächste. Savimbi, der sich als Freund von Franz Josef Strauß bezeichnete, verlor die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Angola, sprach von Wahlbetrug und zettelte einen Bürgerkrieg an. Er selbst wurde mit Kugeln durchsiebt. Dr. Johann Savimbi war einer der grausamsten postkolonialen Rebellenführer. 30 Jahre wütete er mit Gewalt durch das Land. „Afrika, der blutige Erdteil“, sagt Grill, „seit 1945 wurden im Süden der Sahara 54 Kriege und Bürgerkriege geführt.“

 

Im Grills Buch schimmern ja immer wieder die Reaktionen des Westens durch. Afrika gilt als ein verlorener Kontinent, den man abgeschrieben hat. Auf dem Friedensgipfel für den Kongo, der 1999 in Lusaka (Sambia) stattfand, erschienen nur zwei europäische Journalisten, keiner aus den USA. Aldo Ajello, Sondergesandte der Europäischen Union sagte: „Es ist leider wahr, das auswärtige Interesse ist extrem begrenzt.“ Die Kongolesen sind auch nicht ernsthaft an einem Waffenstillstand interessiert. Und so läuft alles den Bach hinunter. Laurent Kabila wird umgebracht, Joseph Kabila überimmt die Macht. Das Blutvergießen geht weiter. Fachgelehrte sprechen über eine „Somalisierung“ (Anarchie) Zentralafrikas. Die Weltgemeinde schickt ein paar Sondergesandte in den Kongo, die nichts ausrichten können. Es herrscht die Resignation. Man könne sowieso nichts machen, den Krieg müsse man ausbluten lassen. So wie Grill das beschreibt, ist von den Industrieländern keine Hilfe zu erwarten. Das ist das schockierende. Und so geht das Dilemma weiter: Völkermord in Ruanda, 15. April 1994: Die Grausamkeiten und Hintergründe möge man im Buch lesen, ich wiederhole sie nicht und möchte nur das Verhalten des Westens, insbesondere der UNO, erwähnen. In den USA bemühte man sich, das Wort Genozid nicht in den Mund zu nehmen, denn bei einem Genozid, wären sie verpflichtet gewesen, einzugreifen. Bill Clinton sprach vom „Stammesgroll“ und Mitterand: „ Ein Genozid ist in Afrika nicht so schlimm wie anderswo.“ (Seite 279). Wer mag schon gerne glauben, dass ruandische Militärs von Französen ausgebildet wurden, zwischen 1990 und 1996 hat es 36 Waffenlieferungen nach Ruanda gegeben. Dieser Völkermord wäre zu verhindern gewesen. Grill erzählt vom Kommandeur der Friedensrtruppen in Ruanda, Roméo Dallaire, der schon am 11. Januar 1994 ein verschlüsseltes Telegramm nach New York gesandt hat, „das detaillierte Informationen zum geplanten Genozid“ enthielten.“ Leider wurde die Gefahr nicht als ernst genug eingestuft. Stattdessen, der Genozid war längst im Gange, reagierte die UNO auf Empfehlung von Kofi Annan und ließ 270 Blauhelme abziehen. Der Abzug der Blauhelme ist filmisch dokumentiert

.

 

>„Lasst uns wenigstens die Waffen da, damit wir uns verteidigen können,“ betteln die Schutzlosen.<

 

 

Kofi Annan entschuldigt sich später für diese Fehlentscheidung.

 

 

 

AIDS

 

 

In Afrika wird über AIDS nicht geredet. Ein Tabuthema wie Sexualität. Im Parlament von Südafrika war im Oktober 2001 das Thema AIDS/HIV angesetzt, auf der der Präsident die Infektionsrate bezweifelte, obwohl damals 4,7 Millionen Menschen infiziert waren. Gerne werden andere Gründe als Krankheitsursache vorgeschoben, als Sexualität. Man versteht nicht, warum nach der Apartheid die Befreiten sterben und hängt sich an abstruse Theorien wie die von zwei Amerikanern, die von einer „Viruslüge“ sprechen, die Ursache für das Massensterben in der Armut zu finden glauben. Für die südafrikanische eine willkommene Irrlehre, „denn durch sie lässt sich die Pandemie auf die elenden Lebensbedingungen zurückführen, welche die Apartheid hinterlassen hat.“. Und solange geglaubt wird, dass Anti- Aids - Medikamente Gift sind, die zum Genozid führen können, und die Schwarzen nur als Versuchskaninchen behandelt werden, sind natürlich die Hilfen aus dem Westen nur eingeschränkt möglich. Ein anderes Problem noch, viele Afrikaner sehen nicht ein, Präservative zu benutzen. Grill begegnet einen Jäger aus Tansania, der ihm sagt, Präservative eigenen sich besonders gut zum Abdichten des Gewehrlaufs, wenn man duch einen Fluss watet. Die Ursachen von Aids in Afrika sind eben auch sehr vielschichtet. Ich vermute mal, dass das Kondomverbot der Kirche gar nicht mal so einen großen Einfluss hat. So erzählt Grill, dass es in Afrika fortschrittliche Kirchenleute gibt, die den Unsinn des Vatikans ignorieren. Wie hirnverbrannt rückständig die Behauptung ist, Aids sein eine von Gott auf die Erde gebrachte Lustseuche, betont Grill mit einer Behauptung von Paracelsus, der im 16. Jahrhundert lehrte, „der Allmächtige habe die Syphillis auf die geile Menschheit herniedergeschleudet.“

 

Mehr noch über Kirche und AIDS in Afrika wird sich in Grills Buch: Gott Aids Afrika: Das tödliche Schweigen der katholischen Kirche

 

Denis Johnson: In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt

In der Hölle selbst ist die Hölle Normalität. Der Band enthält zwei Reportagen über Liberia und eine über Somalia. Somalia ist seit Jahren schon in Anarchie versunken, Liberia von Bürgerkriegen und mörderischen Diktatoren durchgeschüttelt. Da erscheint es natürlich, dass Denis Johnson mit einem journalistischen Auftrag aus einem westlichen Industrieland in solch einer Hölle, in der Gewalt Normalität ist, zum Außenseiter wird.

Viele Jahre hatte ich keine Ahnung, dass es einen Staat gibt, der Liberia heißt. Die Bürgerkriege gingen offensichtlich nicht durch die gewohnten Medien. Erst als Charles Taylor 2006 nach Den Haag vor das Kriegsverbrechertribunal geführt worden ist, habe ich erstmals von diesem Land gehört. Auch Denis Johnson fragt: „Wo liegt Liberia? Kümmert es da draußen irgendwen?“ Nein, es kümmert kaum einen, und Johnson konnte dies nicht treffender formulieren. Der Horror in manch afrikanischen Staaten, man denke auch an Ruanda, ist im Bewusstsein des Westens kaum angelangt. Es scheint so, dass Afrika für die westlichen Industrieländer ein schwarzer unbekannter Kontinent geblieben ist. Das zeigt auch, wie wir von Medien beeinflusst werden. Wird nicht berichtet, erfahren wir nichts, es sei denn, wir bemühen uns um fachliche Literatur.

Zitat von Denis Johnson


An einer großen Straße mit etlichen Handwaffenfeuer zerfressenen Gebäuden steht das Al Sahafi Hotel, fast ohne Einschusslöcher, alle drei Etagen vollkommen intakt, das letzte Fitzelchen Zivilisation in der Hauptstadt, wie ein Museum, in dem das Leben im zwanzigsten Jahrhundert ausgestellt wird.


Ungefähr so, wie ein „Fitzelchen Zivilisation“ muss sich Denis Johnson wohl in Somalia und Liberia gefühlt haben. Auf seiner zweiten Reise nach Liberia sollte Johnson Charles Taylor interviewen. Seine Ankunft an der Elfenbeinküste war angekündigt, er sollte abgeholt werden, alles war durchorganisiert. Doch Denis Johnson wurde nicht abgeholt. Offenbar wusste niemand, dass jemand im Auftrage des „New Yorker“ im Flugzeug saß. Alles was von westlicher Seite durchorganisiert war, hatte in Liberia Bedeutung verloren. Er war eben in der Hölle gelandet. Ein Treffen mit Charles Taylor wurde immer unwahrscheinlicher. Trotzdem, er hat ihn getroffen, allerdings misslang die Tonbandaufnahme des Interviews, weil das Mikrofon versehentlich schlecht posiert wurde. In diesem Land scheint nach westlichen Maßstäben überhaupt nichts zu funktionieren, stattdessen wird Johnson aufgrund seines eigenen Verhaltens selbst in unheilvolle Konflikte hineingezogen.

In unmittelbarer Nähe ein Bombenangriff:

Zitat von Denis Johnson


Eine Rakete hatte eine verfallene Tankstelle getroffen…Sie war durchs Dach gekommen, als sich ein Mann namens Joseph Koylo und seine Familie gerade darunter zum Gebet versammelt hatten.


Ein bewegender Satz über Taylors Kindergarde:

Zitat von Denis Johnson


..Diese kleinen Jungen sind die Soldaten, auf die Charles Taylor sich intuitiv verlassen kann, weil sie ihn lieben, als wäre er ihr Vater.


Auf der ersten Reise nach Liberia besucht der Autor Prince Johnson, den Gegenspieler Charles Taylors. der auf der Pressekonferenz, auf der Denis Johnson anwesend ist, ein Video vorführt, auf dem der bisherige Diktator Samuel K. Doe zu Tode gefoltert wird (er starb kurz nach der Videoaufzeichnung).

Wie das Töten dort zur Normalität geworden ist, besagt folgende Begebenheit: Prince Johnson empfing nigerianische Journalisten und führte sie durch seinen Sektor Monrovias. Während dieser Rundfahrt schoss er in ein Auto hinein, in dem ein europäisches Ehepaar saß. Der Mann war sofort tot, die Frau wurde verschleppt und ward nie wieder gesehen.

Denis Johnson berichtet von der Hölle auf Erden. In der Einleitung erzählt Georg M. Oswald über den ehemaligen Drogenkonsumenten Denis Johnson, über seinen literarischen Werdegang und bereitet den Leser auf die Reportagen vor. Er findet auch Parallelen zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“.

Claudio Magris: Donau

Im Jahre 2009 erhielt Claudio Magris den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. An dieser Stelle möchte ich sein kulturhistorisches Werk “Donau” in Auswahl vorstellen, d.h. ich wähle nach eigenem Belieben Kapitel und Teile aus, die ich besprechen will, da eine vollständige Besprechung den Rahmen dieses Blogs sprengen würde. Wenn ich einen Eindruck des Buches vermitteln kann, bin ich schon glücklich.

Die Aufteilung in drei Teilen stammt von mir:


I Deutschland
II Österreich/Slowakei/Ungarn
III Balkan


I Deutschland

Es ist selbstverständlich, daß ein Buch über die Donau an der Donauquelle beginnt. Doch, wo ist die Quelle? Die Quelle der Donau entspringt bei Donaueschingen. „Seit der Zeit des Kaisers Tiberius wird jenes Rinnsal, das aus einem Hügel hervorquillt, als die Donau gefeiert; und darüber hinaus vereinigen sich in Donaueschingen zwei kleine Flüsse, die Breg und die Brigach, die…dort, wo sie zusammenfließen, den Beginn der Donau bilden.“ Doch es gibt auch eine andere Theorie, die des Herrn Doktor Ludwig Öhrlein, der an der Quelle der Breg bei Furtwangen ein Schild aufstellen ließ, diesen Ort als die Quelle der Donau bezeichnet, „und hier wird präzisiert, daß die letztere von allen übrigen Zuflüssern die am weitesten vom Schwarzen Meer entfernte sei,…” Doch damit nicht genug. Doch damit nicht genug, schon in der Antike schwirrten Vermutungen und Untersuchungen, wo denn die Quelle sei, darüber schrieben auch berühmte Autoren wie Herodot, Strabon, Cäsar, Plinius, Ptolemäus, Erasthostenes. Der eine schrieb, die Quellen der Donau entspringen aus dem Harz, ein anderer meinte, bei den Hyperboreern, oder auch in den Pyrenäen usw. Der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. In Immedingen verschwindet die Donau in Felsspalten und tritt vierzig Kilometer als die Ach wieder zum Vorschein, fließt in den Bodensee, dann in den Rhein. Magris schlussfolgert, die Donau sei zum Teil ein Nebenfluss des Rheins und münde eher in die Nordsee als ins Schwarze Meer. Wo denn die Donau nun herkommt gipfelt in der außerordentlichen Kuriosität eines gewissen Amedeo, „renomierter Sedimentologe und geheimer Historiograph von Mißverständnissen“, über den wir leider sonst nichts erfahren, die Donau komme aus einem Wasserhahn. Magris hat den Wasserhahn nicht gefunden. Die Donauquellen, so rätselhaft wie die des Nils.

Die Kapitel über Martin Heidegger („Die Mesner von Meßkirch“) und Louis Ferdinand Céline ( „Die Führerin von Sigmaringen“) sind für mich sehr schwierig gewesen, weil ich um ihre Lebensbiographien nichts weiß. Hier ist man wirklich auf Sekundärliteratur angewiesen.

„Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gelesen“ schreibt Magris, warum, dass wurde für mich in dem zusammengerafften Kapitel nicht ersichtlich. Im Kapitel darauf schreibt Magris über Célines Flucht auf das Schloss Sigmaringen, dass Schloss der Hohenzollern, auf das die Mitglieder der Vichy-Regierung geflüchtet sind, geflüchtet vor den Alliierten. Céline schreibt darüber in seinem Buch „Von einem Schloß zum anderen“.

Über Célines (restlos vergriffenes) Buch „Die Judenverfolgung in Frankreich“ schreibt Magris, es sei das erschreckendste seiner Bücher.

Zitat von Claudio Magris


Es ist der langatmige und langweiligste Gefühlsausbruch eines Kleinbürgers und Ladenbesitzers, der sämtlichen Vorurteilen seiner verarmten und desorientierten Schicht anhängt, doch ist es zugleich eine geniale, verzerrte Momentaufnahme des 20. Jahrhunderts, an der man nicht vorbeikommen wird. Der vom Haß getrübte, bisweilen aber auch geschärfte Blick Célines entlarvt die frenetische Betriebsamkeit der Kulturindustrie und erkennt in ihrer sterilen, kalten Aufregung, in ihrer fortwährenden, hektischen vorzeitigen Ejakulation, ein Potential dumpfer Gewalttätigkeit. Diese fieberhafte Mobilisierung, die gebieterisch das Individuum zu den Symposien, Debatten und Interviews abkommandiert, ist die Hysterie eines überfüllten Zimmers, einer Welt, an der an allen Türen dass Schild hängt. „Alles belegt.




Dieses Zitat soll als Beispiel stehen, für Magris’ teilweise hochintellektuellen überbordeten Stils, betont auf teilweise, denn es gibt genügend weitaus leichtverdaulichere Stellen im Donaubuch. Dieses Zitat sollte nicht abschreckend wirkend.

Schließlich noch, Louis Ferdinand Célines Meisterwerk „Reise ans Ende der Nacht“ sollte unbedingt gelesen werden. Alles andere, über seinen Antisemitismus usw., ist sicher nur etwas für speziell Interessierte.

Man merkt dem Text oftgenug eine Bildungslastigkeit an. So manche Inhalte hätten auch lesbarer gestaltet werden können. Das Kapitel über „Grillparzer und Napoleon“ musste ich mehrmals lesen, um ungefähr zu ahnen, was Magris meint. Jedenfalls habe ich über Grillparzers Drama „König Ottokars Glück und Ende“ in Wilperts Lexikon für Weltliteratur“ nachschlagen müssen und bin dort klüger geworden. In diesem Drama wollte Grillparzer in dem böhmischen König Ottokar II. eine Analogie zu Napoleon sehen, der als tatkräftiger Eroberer in die Tyrannei getrieben wurde. Bei Grillparzer wird er zum maßlosen Machtmenschen. Das Kapitel ist mir vielleicht auch schwer gefallen, weil ich von großer Politik nichts verstehe und mich höchstens für die psychologischen Hintergründe von Machtgier interessiere. Wie nun Magris auf Grillparzer und Napoleon kommt, begründet die Abtei von Elchingen nahe Ulm, in deren Nähe am 19. Oktober 1805 die „Kapitulation von Ulm“ stattfand, „die Übergabe des österreichischen Generals Mack – des >>unglücklichen Mack<<, wie ihn Tolstoi in Krieg und Frieden nennt – an Napoleon.”

Um Macht geht es auch in dem Kapitel über den KZ-Arzt und Menschenfolterer Josef Mengele („Der Kitsch des Bösen“), der in Günzburg geboren ward.Übrigens ein brillianter Aufsatz, in dem Magris klarstellt, dass der Nazismus „ein Höhepunkt, ein unübertroffener Gipfel der Infamie gewesen (ist), die engste Verknüpfung von gesellschaftlicher Ordnung und menschlicher Roheit. Es wäre völlig abwegig“, meint Magris, „hinsichtlich des ständig lächelnden sadistischen Arztes auf pathologische Erklärungen zurückzugreifen, so als wäre er ein Kranker, den ein unbezwinglicher Ruptus hinriß.“ Als er sich bis 1949 in der Nähe von Günzburg in einem Kloster versteckt hielt, hat er niemanden seine Augen ausgerissen und keine Leiber zerfetzt. Magris schreibt von der Banalität des Bösen:

Zitat von Claudio Magris


Mengeles Lust zu quälen, sein stupides Lächeln bei der Ausführung seiner Mordtaten..es ist die mechanische, faszinierte Wiederholung einer Art rituellen Formel zwischen dem Refrain eines psychedelischen Lieds und einer religiösen Litanei, das Stammeln eines von Grausamkeit berauschten armseligen Geistes.




Erschreckend ist, dass Verbrecher wie Mengele so grausam gehandelt haben, weil es ihre Umgebung zugelassen hat, weil es quasi erwartet wurde. Keine Krankheit? Zumindest ist doch dieser extrem ausgeartete Sadismus genau das, was wir für das Böse halten. Wenn es im Menschen das Gute und das Böse gibt, möge das Böse lieber übergibst werden, sodass es im Untergrund des Unbewussten erstarrt und sich nicht entfesseln kann.

Claudio Magris war in Regensburg, vor meiner Zeit…Sehr schön hat Magris die nostalgische Seite der Stadt eingefangen. Schon Maximilian I. von Habsburg (1459-1519) sprach von einer Vergangenheit, als er vom Reichtum der berühmten und blühenden Stadt sprach. Heute kommen Touristen nach Regensburg, um sich das alte Gemäuer der Stadt aus der Blütezeit anzusehen. Seit 1663 Sitz des immerwährende Reichstages der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, darauf die Stadt heute noch Stolz ist. Es hört sich schon tragischkomisch an, wenn wir bei Magris lesen, dass diese Institution damals schon „längst erstarrt und entleert“ gewesen sei. Die Welt über die regiert werden sollte, befand sich längst im Abschwung. Inzwischen hat Regensburg allerdings durch seine Universität den Faden zur Gegenwart gefunden, infolgedessen wir in dieser schönen einst blühenden Mittelalterstadt die größte Kneipendichte Bayerns haben. Das konnte Claudio Magris, als der das Buch schrieb, nicht wissen. In dieser Universtät wird u.v. a. natürlich auch das Mittelalter erforscht. Der Historiker Horst Fuhrmann war von 1971 bis 1994 Präsident der Monumenta Germaniae Historica und Ordinarius für Geschichte an der Universität Regensburg. Im Jahre 2000 veröffentliche er das Buch „Einladung ins Mittelalter“.

Nun sind wir in Passau, am deutschen Ostzipfel der Donau, angekommen, dort, wo die Ilz und der Inn in die Donau fließen. Magris fragt sich dort, ob es wirklich die Donau ist, und nicht der Inn, der dann weiterfließt bis ins Schwarze Meer.

II Österreich/Slowakei/Ungarn

Magris macht uns darauf aufmerksam, dass einige Gedichte aus dem Westöstlichen Diwan von Marianne Willemer stammen, die Goethe in seinem Werk als Suleika besingt. Marianne habe einige Gedichte geschrieben, die zu den besten des Diwan zählen. In der kommentierten Ausgabe von Erich Trunz, kann man nachlesen welche das sind. Geboren ist Marianne Willemer in Linz, dort wo jetzt die Pfarrei von Linz beherbergt ist. Wenn wir die Donau weiter herauffahren, sind wir in Sankt Florian - in der Stiftskirche war Anton Bruckner Stiftsorganist, bevor er 1855 nach Linz kam. In der Zeit in Sankt Florian (1845-1855) komponierte Bruckner ein Requiem, eine Missa Solemnis, Motetten und andere Kirchenmusik. Die Sinfonie, die er „dem lieben Gott“ gewidmet hat, Magris erwähnt sie unter dem Prunk großer oberöstereichischer Klöster, hat Bruckner allerdings nicht in Sankt Florian komponiert, aber weil seine Symphonien z. T. theologisch gedeutet werden, passt diese Musik natürlich hervorragend in diese Welt kirchlicher Frömmigkeit. Mit der „dem lieben Gott“ geweihten neunten Symphonie hat sich Bruckner würdevoll von unserer Welt verabschiedet. Seine Musik kann uns zu tieferen Dimensionen des Hörens führen. Das ist sehr subjektiv, ich weiß…man höre und lausche.

Bruckners und Adalbert Stifters Kunst entstehe aus der Ehrfurcht vor der sanften und idyllischen österreichisch-böhmischen Landschaft, sagt Magris. „Das Leben in den Wäldern entsteht und verändert sich zwar, doch in so langsamen Rhythmen, das es den einzelnen Individuum völlig unbeweglich erscheint…“ Adalbert Stifter werden die langsamen Rhythmen aufgefallen sein. In seinem Nachsommer erreicht er fast einen Stillstand der Handlung. Magris erwähnt Stifters Erzählungen Abdias und Turmalin (enthalten in „Bunte Steine“),um aufzuzeigen, dass hinter der Harmonie der Natur auch das Zerstörerische lauert, die „Grausamkeit des Schicksals“ und der „Verfall der Dinge“. Magris mag diese Erzählungen, weil sie „ohne moralische Predigten und ideologischen Protest“ daherkommen, nur ein stumpes Verwundern hinterlassen. Trotzdem hat mir „Turmalin“ von der Struktur nicht gefallen. Es gibt darin nämlich einen Bruch, einen Wechsel der Erzählperspektive. Die Tragödie finde ich außerdem überzogen. Alles nur weil der Rentherr mal von seiner Frau betrogen worden ist.

Endlich erwähnt Magris mal Kunstmaler. Albrecht Altdorfer (um 1480-1538) hat auf dem Sebastiansaltar von Sankt Florian erschütternde Bilder von der Passion und des Martyrium des Heiligen hinterlassen. In diesen Bildern entflammt der Himmel, „wird eine bestialische, dumpfe Gewalttätigkeit“ gegen die Verurteilten entfesselt. Magris erwähnt das unweit vom Sebastianaltar zu sehende Gemälde von Wolf Huber (1485-1553) zu sehen wie auf Sebastian brutal eingeschlagen wird. Es ist ja bekannt, was für fratzenhafte höllische Gestalten auf christlichen Bilderwerken erscheinen, so bei Huber „ein verblödetes perverses Kind“, welches auf den Märtyrer einschlägt. Gerne würde ich jetzt sehen, ob der Blick des Heiligen noch sanftmütig bleibt. Magris meint, hier schreie dem Beschauer in wilden Farben auch der Wahnsinn der Konzentrationslager (Mauthausen) entgegen. Himmel und Hölle im ehrwürdigen Sankt Florian.

Das Kapitel „Die Türken vor Wien“ widmet sich u.a. einem gegenwärtig sozialem Thema. Wurden die Türken 1683 vertrieben, kommen sie als Gastarbeiter wieder. Magris warnt vor einem „gesellschaftlichen Mechanismus“, dass wegen kultureller Unterschiede und wegen Schwierigkeiten des Zusammenlebens Gewalt hervorgekehrt wird. Man kann Gott sei Dank sagen, dass es dazu nicht gekommen ist. Integration ist aber heute noch ein großes Problem.

Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte….“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus. Neugierig gemacht?

Der Philosoph auf den Cäsarenthron – Marc Aurel. Für den ersten Mann im Staate ist Rom die Vaterstadt, für den Menschen Marc Aurel ist es aber das All. Was für eine Demut jenseits des politischen Machtwahnsinns, er, der Imperator, indem er sich dem All unterstellt, fühlt keinen Unterschied zu den anderen Menschen. Seine „Selbstbetrachtungen“ gehören zur großen Weisheitsliteratur der Menschheit. Kurioserweise, oder ist es Ausdruck seiner Demut, hielt er sich nicht für einen großen Schriftsteller, denn, so sagt uns Magris, er habe sich bei den Göttern bedankt, daß er sich nicht zu den Schriftstellern verirrte.

Eine Burg nach dem anderen auf Hügeln und Bergeshöhen in der Slowakei – sie gehören meist nicht zur slowakischen Geschichte, meist herrschten von den Hügeln herab die Ungarn. Die slowakischen Bauern unterhalb der Hügel lebten in bescheidenen Hütten oder in kleinen Häusern aus Brettern, „die mit Stroh und getrocknetem Mist verputzt wurden”. Diese Wohneinrichtungen werden drevenice genannt. Sándor Petöfi (1823-1849), ungarische Nationaldichter, umschreibt den Slowaken in einem Gedicht „als ein Kesselflicker mit roter Nase und verschlissenem Mund.“ Die Slowaken haben eine bedrückende Geschichte, sie waren Verlierer, durch militärische oder politischen Niederlagen ihrer Herrschaftsklasse beraubt. Dass sie Verlierer waren, zeigen auch die Umstände um die 1848er Revolution in Europa. Die Slowaken erbaten bei den herrschenden Ungarn nach mehr grundlegenden Rechten, ungarische Behörden reagierten aber „mit Verhaftungen und harten Repressionsmaßnahmen.“ Mit Gründung der Doppelmonarchie im Jahre 1867 wurden die Slowaken noch mehr unterdrückt, da sie nur „als eine folkloristische Gruppierung innerhalb des ungarischen Volkes“ angesehen wurden. Was für eine Farce. Die Ungarn, die selbst von Fremdherrschaften unterdrückt wurden, hatten die Slowaken unter ihren Fittichen. Man muss Magris dankbar sein, dass er den Lesern der „Donau“ auf diese politischen Verhältnisse bewusst gemacht hat. Welcher durchschnittliche Mitteleuropäer wie ich, kennt schon die Geschichte der Slowakei. Ein vergessenes Land?

Der große ungarische Romancier Mór Jókai (1825-1904) ist geographisch in der heutigen Slowakei geboren. Sein Geburtsort Komárom wird von der Donau geteilt. Der nördliche größere Teil des Ortes liegt in der heutigen Slowakei. Sein Roman – und erzählerisches Werk, dass möchte ich ergänzend erwähnen, umfasste in einer Ausgabe um 1900 120 Bände, Sándor Márai hat eine solche Ausgabe besessen. Als sein Haus 1944 durch den Einmarsch der Nazis in Budapest zerstört wurde, ging auch seine Bibliothek zugrunde. Claudio Magris hat seinen populären Roman „Der Goldmensch“ gelesen. Viele Werke des Autors sind in deutscher Sprache noch antiquarisch zu bekommen. In „Der Goldmensch“ erzählt Mór Jókai eine Donau-Robinsonade, Mihály Timár, reichgeworden und „enttäuscht über seinen zweifelhaften gesellschaftlichen Aufstieg“ findet auf einer unbekannten Donauinsel sein Glück.

In der ungarischen Dichtung wird nicht der „Glanz eines heroischen Ungarn“ gefeiert, sondern sie „denunziert das Elend und das Dunkel des magyarischen Schicksals.“ Petöfi erhebt sich schreibend gegen den Egoismus der Adligen, Endre Ady (1877-1919) schreibt Verse über die „düstere magyarische Erde“. In seinem Gedicht „Die ungarischen Erlöser“, welches Magris auch gelesen hat, spricht er von Tränen, die hier (in Ungarn) salziger sind und die Schmerzen größer als woanders, „da sie sterben würden, ohne jemanden erlöst zu haben“(eine Auswahl Adys Gedichte findet der Interessierte in Endre Ady: Gedichte, Ausgewählt und eingeleitet von László Bóka, Verlag Volk und Welt, Berlin 1965). Der Lyriker Attila Jószef fühlt sich „an den Rand des Universums“ versetzt. Die Dichtung spricht vom Leid des Volkes, von der Schlacht bei Mohacs (1526) bis hin zur Revolution 1956. Die Ungarn fühlen sich als Verlierer, in der Geschichte wurden sie geschlagen, mussten Fremdherrschaften überstehen (Osmanen, Habsburger Monarchie, Verlust von zwei Drittel ihres Staatsgebietes durch den „Friedensvertrag von Trianon“, 1920 u.a.). Trotz der historischen Tragödien sieht Magris in Ungarn nicht eine vergessene Provinz. Die Ungarn haben, wie wir gesehen haben, die Slawen unterworfen, auch die Rumänen. Sie traten also durchaus auch beherrschend auf.

Wer wirklich einen Einblick in die Historie Ungarns gewinnen will, dem empfehle ich das gut lesbare Standardwerk von Paul Lendvai: Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte, Goldmann-Taschenbuch. Ich habe mich in Magris’Ungarnkapiteln oftgenug geärgert über schwerlastende Ausdrucksweise des Literaturwissenschaftlers, ohne gewisse Vorkenntnisse wird vieles schwer fassbar. Darum meine Empfehlung der Lektüre von Paul Lendvai.

Doch, doch, einige Kapitel im Donaubuch glänzen, so auch das über kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža (1893-1981). Krleža schildert in seinen Werken die pannonische Welt, über die Volker und Kulturen zwischen Budapest und Zagreb. Das Zentrum seines umpfangreichen Werkes beschäftigt sich mit dem Verfall der Welt des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel hat mich sehr neugierig auf den Autoren gemacht. Einige Werke sind ja in deutscher Sprache erhältlich. Sein Drama „Die Glembays“ erzählt vom versinken des österreichisch-ungarischen Adels im pannonischen Schlamm. Der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ wurde von Sartre geschätzt, „der darin eine Parabel auf die Krise der individuellen Identität erkannte…“

“Eine Violine in Mohács”, hier spielt sie nicht lustige Zigeunerweisen, sondern melancholiert über das Trauma Ungarns, über die verlorene Schlacht gegen die Türken (1526). Für 400 Jahre ging der souveräne ungarische Staat zugrunde, er wurde ein Spielball zwischen Türken und Habsburgen, Ungarn ein Tummelplatz für Kriegsschlachten. Das nur als kleine Vorstellung, warum Magris hier zu melancholischen Tiefen gereift. Doch noch ein würdiger Abschluss des Ungarnteils. Hier ist Magris den Ungarn quasi zu Leibe gerückt.

III Balkan

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts retuschierte man auf Bulgariens Karten weiße Flecken. Als der Forschungsreisende Guillaume Lejean, der auch den Blauen und Weißen Nil befuhr, im Jahre 1875 Bulgarien bereiste, waren auf seinem Kartenmaterial „in den Gebieten an der Donau imaginäre Orte“ verzeichnet. Die Orte, die wirklich existierten, wurden weggelassen. Es gab auch Kartographen, die Städte an andere Standorte versetzten, und den Verlauf von Flüssen willkürlich änderten.

Im Kapitel „Unter Lenaus Büste“ schafft es Magris, diverse Autoren sehr liebevoll unter einen Hut zu bringen. In Vršac, z.Zt. als Magris dieses Buch geschrieben hat, war dieser der bedeutendste Ort im jugoslawischen Banat. Heute ist es Serbien. Heute kann man sich nicht mehr im Stadtpark von Vršac auf einer Bank unter Nikolaus Lenaus Büste küssen, wie es in einem Gedicht von Vasko Popa heißt, denn diese Büste befindet sich heute im dortigen Museum. In Vršac ist der ungarische Schriftsteller Ferenc Herczeg geboren, den Magris „ebenso brilliant wie oberflächlich” bezeichnet. Brilliant war er vielleicht, weil z.B in seinem Roman „Die Heiden“ den Kampf verschiedener Völker und Religionen in dieser Gegend aufzeigt, und damit zukunftsweisensend das Problem auch des heutigen Balkan benennt, das Zusammenleben verschiedenster Völkergruppen in einem Land und ihr Bestreben und Mühen, wie man unter solchen Umständen friedlich zusammenleben kann, und wir erinnern uns aus jüngster Geschichte, wie dort das Blut geflossen ist. Schon immer ein explosiver Herd . Herczeg erzählt vom Kampf „zwischen Magyaren und Petschenegen, zwischen dem Kreuz und der heiligen Eiche der Awaren während der Morgendämmerung der ungarischen Geschichte.“ Vasko Popas schrieb zu anfangs auf rumänisch, dann auf serbokratisch.In der jugoslawischen Wojwodina (heute Nordserbien, vor 1920 noch zu Ungarn gehörig), so legte man, 1974 in der Verfassung fest, leben fünf große Völkergruppen zusammen: Serben, Ungarn, Slowaken, Rumänen und Ruthenen, doch, so ergänzt Magris, es gibt dort auch Deutsche, Bulgaren Zigeuner, Bunjewatzen und Schokatzen….und gerade hier zeigt sich, wie kompliziert die Geschichte des Balkans ist. Wo kommen die verschiedenen Völker her, wie und warum wurden Staatsgrenzen geändert? Diese Fragen kann uns nur eine Geschichte des Balkans beantworten. Doch kommen wir nun zu Lenau zurück, dem österreichischen Dichter, der im rumänischen Banat bei Timişoara geboren und „ungarische und slowakische Vorfahren besaß.“ Um ihn ein mikriger Kleinkrieg: Magris schreibt über Adam Müller-Guttenbrunn, dem Verfechter der deutschen Kultur im Banat, der sich im Jahre 1911 dagegen wehrte, als sich die Ungarn den Lenau vereinnamen wollten, ihn Miklós Lenau nennen wollten, einen ungarischen Dichter, der deutsch schreibt. Im Lenau Kapitel streifen wir auch Milo Dor, der in seinem Roman „Nichts als Erinnerung“ eine melancholische Trägheit beschreibt, die der Melancholie Lenaus sehr nahe kommt, dem Lyriker der Einsamkeit, des seelischen Leidens und des Weltschmerzes.

Dein gedenkend irr’ ich einsam
Diesen Strom entlang;
Könnten lauschen wir gemeinsam
Seinen Wellenklang!

(Nikolaus Lenau, aus „Das Mondlicht“ )


Auf den bulgarischen Erzähler Jordan Raditschkow wirft Claudio Magris einen so herzlichen Blick, dass ich mich schon umgeschaut habe, welche Werke es in deutscher Übersetzung gibt. Raditschkow, „der Sänger von Tscherkaski“, der die in Bulgarien aussterbende Dorfkultur in seinen Erzählungen erhalten hat. Auf den ersten Blick ist der Bulgare ein Pendant zum ungarischen Schriftsteller Zsigmond Móricz (1879-1942), der auf wirklichkeitsnahe Weise vom ungarischen Dorfleben erzählt (ein repräsentativer Erzählband ist „Die Engel von Kiserdö“, Aufbau-Verlag, 1971). Nach dem zu urteilen, was Magris schreibt, scheint Raditschkow aber kein Realist zu sein:

“Geschichten, die von Mund zu Mund gehen, die man erfindet, um sich weitschweifig über das Leben zu ergehen…Lügen, die jeder seinen Gevattern erzählt, bis er schließlich selbst Stein und Bein schwört, daß es die reine Wahrheit sei.”

In Ruse, was einmal Rutschuk hieß, ist Elias Canetti geboren, eine Stadt mit ockergelben Handelshäusern aus dem 19. Jahrhundert, herschaftlichen Parkanlagen und Häusern aus dem Fin de siècle. Zwischen den zwei Weltkriegen war Ruse die reichste Stadt Bulgariens. Claudio Magris führt uns in Canettis Geburthaus, Canetti „der mit unvergleichlicher Kraft den Wahnsinn unserer Epoche – der jeden Blick auf diese Welt trübt, blendet oder entstellt – erfassen und darstellen sollte.“

Im Kapitel „Auf dem Weg des Bösen“ versucht Magris sich der Mentalität und dem Ursprung der Rumänen zu nähern. Was den Ursprung der Rumänen betrifft, fällt ein weiser Entschluss, jede Genealogie ginge auf den Urknall zurück, und schon lösen sich ideologische Streitereien auf. Hinzugefügt sei, Ceauşescu erhob die Dako-romanische Kontinuitätstheorie, die besagt, das rumänische Volk und auch ihre Sprache entstamme aus dem Zusammenschluss der dakischen und romanischen Bevölkerung in der Provinz Dacia (das heutige Siebenbürgen und Banat), zum Dogma, mit dem Ziel, festzustellen, nur die Rumänen haben Anspruch auf dieses Land und die Rumänen waren eben vor den Ungarn dort. Kein Wunder, dass der Dikator Minderheiten schikaniert hat. Im Grunde genommen egal, ob diese oder die Migrationstheorie, nach der die Ungarn zuerst dort waren, stimmt. Egal, lieber gehen wir zum Urknall zurück und Magris weist auf Curtius, der gesagt hat: „Die Geschichte kennt keines Volkes Anfänge.“ Der rumänische Historiker Constantin C. Giurescu (mit Dinu C. Giurescu) schreibt in seiner „Geschichte der Rumänen“ von den Forschungen des Professors I. I. Russu aus Cluj, der in 160 rumänischen Wörtern einen geto-dakischen Ursprung entdeckt haben will. (Claudio Magris hat „Die illustrierte Geschichte des rumänischen Volkes“ von Dinu C.Giurescu gelesen).

Etwas verwirrend, obwohl es stimmen mag, sind Antonescus ( rum. Ministerpräsident, Diktator 1940-1944) Versuche, die Nazis zu überzeugen, „daß die Juden ohnehin im Land blieben, und nicht entweichen könnten, weshalb man auch das Ende des Krieges abwarten könne, um dann zu sehen, was mit ihnen geschehen solle.“ Die Wiesel-Kommission hat 2004 einen Bericht vorgelegt, in dem es heißt, es seien mehr als 300000 Juden ermordet worden und über 20 000 Roma (siehe Quelle wikipedia ).

Der Bărăgan ist eine Steppe im Südosten Rumäniens. Unter dem Regime Antonescus wurden dorthin Zigeuner deportiert. Zaharia Stancu (1902–1974) hat in einem Roman (“Solange das Feuer brennt“) „diesem Exodus …ein Denkmal gesetzt”. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Magris u.a. auch Pannait Istrati ( 1884-1935) dessen Roman „Die Disteln des Bărăgan“ ich gelesen habe, darin sich Istrati an seine Heimat erinnert und seinen Roman den im Bauernaufstand von1907 getöteten Bauern gewidmet hat, ein Aufstand gegen die Bojaren (Großgrubndbesitzer), die die Bauern hungern ließen. Zaharia Stancu widmete sich diesem Thema in seinem Roman „ Hunde…“. Übrigens, der Roman über den Bauernaufstand, der in Rumänien zum Thema zuerst genannt wird ist „Der Aufstand“ von Liviu Rebreanu.

Hier in dieser Gegend ahnt man das Ende der Donau, und wir kommen aus dem üblichen geograhischen Gefüge, wenn wir uns vorstellen, wie ein Fluss auszusehen hat, hinaus, denn irgendwann „verschmilzt die Donau mit den Wiesen zu einem großen unentwirrbaren Wasserdschungel.” Bei Brăila, dort wo Istrati geboren ward, fließen zwei Donaustränge wieder zusammen, die zuvor eine 60 Kilometer lange Insel umflossen haben. Im Delta teilt sich die Donau wieder in verschiedene Haupt-und Nebenstränge, man könnt’ sich quasi mit einem Schiff darin verlieren, und irgendwann stehen wir vor der Frage, wo die Donau denn nun ins Schwarze Meer fließt. Doch das lassen wir lieber Claudio Magris erzählen, der wunderbar über das Ende der Donau zu erzählen weiß.

Fazit

Es wird dem Leser aufgefallen sein, dass ich kein Wort über Budapest verloren habe. Mich haben diese Kapitel inhaltlich kaum angesprochen, auch genervt wegen hochgekünstelt nichtssagender Schwafelei:

“Auch heute noch betritt der Flaneuer diese Archäologie von Glanz und Dunkelheit, die Verknüpfung von Stärke und Illusion, von hinreißender Poesie und pompöser Poetisierung der prosaischen Welt.”

Ich war dreimal in Budapest und verstehe nicht, warum man so gedehnt nichtssagend über diese Stadt was sagen kann. Warum Magris als Literaturwissenschaftler den Literatenkreis Nyugat ignoriert, ist nicht zu begreifen, und so ein schönes Café wie das Café New York in Budapest, habe ich selbst in Wien nicht gesehen. Dort trafen sich die großen Budapester Literaten. Thomas Mann war auch mal dort. Was die Künste in Ungarn betrifft, so sind die Ungarn besonders in der Literatur stark. In Deutschland kennen wir nur einiges (es gibt viel mehr als Márai :) ). Antiquarisch findet man vieles in älteren DDR-Ausgaben.

Ich halte es für völlig legitim, uninteressante Kapitel zu ignorien. Trotzdem ist das Buch unbedingt weiterzuempfehlen, weil es genügend interessantes zu bieten hat, außerdem, mit ansprechenden Literaturhinweisen angefüllt, lädt uns das Donaubuch in neue Romanwelten ein.

FINE

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