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- Historie (1)
- Lebensbilder / Schicksale (6)
- Neurobiologie (1)
- 27.4.2012: Gunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar
- 26.4.2012: Bartholomäus Grill: Ach, Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
- 13.3.2012: António R. Damásio: Descartes' Irrtum
- 13.3.2012: Denis Johnson: In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt
- 23.11.2011: Wladimir Solowjow/Elena Klepikowa: Der Präsident, Boris Jelzin - eine politische Biografie
- 17.10.2011: Krzysztof Meyer: Schostakowitsch
- 21.9.2011: Fritz Zorn: Mars
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- 17.9.2011: Norman. G. Finkelstein: Die Holocaust-Industrie
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Kunst / Literatur / Philosophie
Gunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar
27.4.2012 von mArtinus.
Gunnar Decker: Gottfried Benn. Genie und Barbar, Aufbau-Verlag, 2006
Diese Buchbesprechung habe ich 2006 zum 50. Todestag des Dichters verfasst
Mit Gunnar Deckers Buch über Gottfried Benn hat uns, 50 Jahre nach dem Tod des Dichters, eine umfangreiche Biografie über den bedeutenden Lyriker erreicht, der über sich selbst nichts erzählen wollte, Decker aber sehr bemüht ist, feine Details aus seinem Leben darzulegen und Benns Charakter und sein Denken akribisch zu durchleuchten. Gottfried Benns kurzzeitige Verwicklung mit den Nazis nimmt verständlicherweise sehr breiten Raum ein, klärt auf, rückt die Fakten zurecht, dabei gibt Dekker dem Leser einen kleinen wertvollen Wink mit auf dem Weg. Es geht um den Briefwechsel mit dem Bremer Kaufmann F.W. Oelze:
“Dieser Briefwechsel ist eine Schatzkammer! Und nebenbei, aber nicht nebensächlich: Benns Ehrenrettung für die Zeit von 1933 bis 1945. Denn diese Briefe zeigen die Chronologie seiner Abwendung von den Nazis. Die Abwendung ist gründlich.” (Decker, S. 205).
Eine Schatzkammer deshalb, weil Benn über sich selbst persönliches schreibt. Er vertraut Oelze mehr an als seinen Ehefrauen und Geliebten:
“Jeden Tag denke ich daran, was es für Sie bedeuten muss, in diesem trostlos niedersächsischen Industrie-und Beamtendorf zu leben -: Sie können allein sein! Was für ein wirkliches Glück schliesst diese Tatsache ein! Keine Familie, keine offizielle Geselligkeit, keine Gaffer und Schnüffler, keine verkalkten Moralkontrolleure beiderlei Geschlechts mit erhobenem Zeigefinger und unbequemen Drohungen, keine Beerdigungen und Diners - das ist ja, wo ich hin möchte, wo ich endlich hin muss.”
(an Oelze, 1936, in Decker S.206)
Normalerweise pflegt er das anders:
“Eine mündliche Unterhaltung würde Sie enttäuschen. Ich sage nicht mehr, als was in meinen Büchern steht.”
(an Oelze, in Decker, S. 204).
Was für einen Charakter hatte Benn? “Geburtstag eines Nihilisten” nennt Dekker ein Kapitel. Über seinen 60. Geburtstag schreibt Benn an Oelze aus dem “zerstörten Berlin”: “Lieber Herr Oelze, zu meinem 60. Geburtstag beschenke ich mich selbst damit, Ihnen einen Brief zu schreiben….keine Besuche, keine familiären Aufläufe, Essen mit dem Dienstmädchen in der Küche, die mich ins Gespräch zog über ihr neues Kostüm, das am Rücken noch nicht sässe, dann Patienten u. im übrigen kein Wort gesprochen.” (in Decker, Seite 373)
Fremden Menschen geht er aus dem Weg, hält auch mal Verabredungen nicht ein. Notorisch schüchtern, aber nicht nur dass. Mit Ehefrau Edith Osterloh wohnt er nicht zusammen, besuchte sie Sonntags für kurze Zeit, empfindet es als störend, mit ihr eine Tochter zu haben, sitzt lieber in seiner Wohnung im Dämmerlicht. Herta von Wedemeyer heiratet er, weil er jemanden für seinen Haushalt braucht. Der Tod beider hat ihn aber schockiert, für eine Geliebte finanziert er die Beerdigung, obwohl er für deren Selbstmord nicht schuldig war. Gertrud Zenses, die er mit liebevollen Kosenamen überschüttet, widmet ihr ein Exemplar seiner Gesammelten Schriften und schreibt hinein:
“Man denkt, man dichtet
gottweiß wie schön.
Und schließlich war man
bloß hebephren.”
……….
Was mag die Frau nur gedacht haben?
Gottfried Benn, Facharzt für Haut - und Harnleiden, behandelt meist Geschlechtskrankheiten, übrigens gerne auch ohne Honorar, wenn Patienten kein Geld haben. 1914 arbeitet er als Militärtarzt in einem Prostituiertenkrankenhaus in Brüssel. 1928 wendet er sich in der Schrift “Dein Körper gehört Dir” gegen den §218. Schön, dass Gunnar Dekker dies erwähnt, war Benn doch sonst nicht sozial engagiert. Als Arzt sah Benn natürlich das Leid der Frauen. “Die Armen versuchen es mit Stricknadeln, schmutzigen Spritzen, Seifenlaugen und heißen Bädern. Benn weiß sogar vom stundenlangen Kitzeln der Brüste, vom pausenlosen Beischlaf, um die Gebärmutter zu sprengen.” (Decker, Seite 154). Ürsprünglich wollte er Psychiater werden, dazu kam es aber wegen seiner eigenen ungünstigen psychischen Disposition nicht. Der Mediziner Werner Rübe diagnostiziert in seiner Untersuchung “schizothym”, nahe der Psychose (Werner Rübe, Provoziertes Leben, Stuttgart, 1993): “überempfindlich, gefühlsabweisend, kühl, kontaktarm und introversiv” (in Dekker, Seite 52). Ein bürgerliches Berufsleben war ihm wegen schneller psychischer Ermüdbarkeit nicht möglich. Dekker spricht “von ein bis zwei Stunden geistiger Hochspannung am Tag” in der er schöpferisch tätig sein kann (ebd. Seite 52).
Seine frühen expressionistischen Gedichten von 1912 (“Morgue und andere Gedichte”) bringen ihn mit einem Schlag ins Licht der Öffentlichkeit. Er schrieb sie unter dem Eindruck seiner Sektionslehrgänge im Moabiter Krankenhaus. Gunnar Decker stellt zwischen den “Morgue”-Gedichten und dem Vanitas-Gedicht des barocken Dichters Andreas Gryphius eine Verbindung her: “Wisse den Tod in dir, unter der Haut zeichnet sich schon das Skelett ab.”(ebd. Seite 63). Das Gottvertrauen verloren, so sieht Dekker in dem Gedicht “Der Arzt”, Nietzsches Ruf vom Tod Gottes (“Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch-: …”, Seite 65).
1915 wurde Gottfried Benn verpflichtet, als Militärarzt der Exekution der engl. Spionin Edith Cavell zugegen zu sein. Brisant daran, als im Jahre 1928 über diesen Vorfall Benns Bericht im Berliner >>8-Uhr-Abendblatt<< erschien, war er immer noch davon überzeugt, dass die Erschießungs rechtens war, obwohl wir heute wissen, dass hinter den Kulissen um das Leben der Edith Cavell gerungen wurde. Im Personenregister der Benn-Biografie von F.J. Raddatz sucht man vergeblich nach dem Stichwort Edith Cavell. Dekker beschäftigt sich über sechs Buchseiten mit diesem Fall. Das schaurige ist, 13 Jahrerspäter reflektiert Benn nicht darüber, sondern lässt alles so wie es ist: Militärischer Befehl und fertig. Gottfried Benn war ein unbeugsamer Fatalist. Für Benn sah das nach Dekker so aus: “Krieg kann nicht anders als grausam sein, denn Krieg bleibt immer ein Teil derGeschichte. Und Geschichte ist nur ein anderes Wort für die Abfolge mehr oder weniger sinnvoller Grausamkeiten.” (Seite 93).
Gunnar Decker beleuchtet den Fall Edith Cavell sehr ausführlich aus verschiedenen Blickwinkeln. Der Autor widmet sich auch über Gottfrieds Benns Verstrickungen mit dem Nazionalsozialismus aüßerst akribisch. Erstaunlich, was Dekker hier zu Papier bringt, alles quellenorientierte Biografiearbeit. Zusammenfassend lässt sich sagen, Benn habe sich dem Nationalsozialismus kurzzeitig angebiedert, ohne ihn wirklich zu durchschauen. Gottfried Benn erhoffte sich mit einem starken NS-Staat “eine Neubelebung der Kunst” (Dekker, Seite 254). Und das ist vielleicht sein größter Irrtum, denn den Faschisten oder Nationalsozialisten geht es nur um absolute Macht, nicht um Kunst. Benns Schrift “Antwort an die literarischen Emigranten” (1933) ist für Dekker “ein frappierender Absturz des demokratieverachtenden Dichters in die Niederungen einer verbrecherischen Politik…Eine furchtbare Trivialisierung des Begriffs vom Barbaren liegt Benns Parteinahme für die Nazis zugrunde.” Er mißverstand Nietzsches Frage nach den Barbaren, die auf “Ursprung, Mythos und Natur” gerichtet war. Eine “herrschaftliche Rasse” wächst aus “furchtbaren und gewaltsamen Anfängen” heraus (Zitate, Seite 231). In “Die Dorische Welt”(1934), schreibt Benn, “die Antike Gesellschaft habe auf den Kochen der Sklaven geruht,…, >>die schleifte sie ab, oben blühte der Staat<< . Apollo, als Synonym für Sparta, trat als >>große züchtende Kraft<< zwischen Rausch und Kunst.” Bis hierhin folgt Benn Nietzsche. Doch will er den Nationalsozialisten unterkriechen und verteidigt die Macht, die sich mit Hilfe von Gewalt festigt.
Doch Benn bekam Schwierigkeiten mit dem NS-Staat, begonnen mit dem Vorwurf des Nazideologen - und - dichters Börries von Münchhausen (1933/34), er sei ein Jude. Benns Schriften “Lebensweg eines Intellektualisten” und “Der deutsche Mensch - Erbmasse und Führertum”(1933) sind von diesem Vorwurf beeinflußt, verteidigt er doch darin vehement seine Herkunft aus einem evangelischen Pfarrhaus. Tatsächlich, für die Nazis war Gottfried Benn kein Willkommensgruß, strich ihn der NS-Ärztebund schon 1933 von einer Arztliste, die bestimmte Atteste ausstellen durften, und mit dem Statement “Die Zeitalter enden mit Kunst, und das Menschengeschlecht wird mit Kunst enden” (”Dorische Welt”, in Dekker, Seite 256) schrieb er sich schon 1934 von den Nazis weg. Benn pflegte seine privaten politischen Vorstellungen, die nicht nazikonform waren. So schrieb er 1936, den Verbrechern längst den Rücken zugewandt, am 25. September, an Oelze:
“Gegen die moderne Kunst wird jetzt die schroffste Ton - und Gangart eingeschaltet…alle Museen haben die modernen Bilder unverzüglich zu entfernen…”
(in Decker, Seite 256).
1936 kommen Benns Gedichte ins Visier der Nazis. Auf Druck der Parteiamtlichen Prüfungskommission der NSDAP müssen vier Gedichte aus den >>Ausgewählten Gedichten<< herausgenommen werden (D-Zug, Untergrundbahn, O Nacht -:, Synthese). Im März 1938 wir er aus der Reichschrifttumskammer ausgeschlossen und erhält Berufsverbot. Grund: Ihn könne man nicht die für die Tätigkeit als Schriftsteller erforderliche Eignung zubilligen. Das Schreibverbot wurde erst 1948 aufgehoben. Die “Statischen Gedichte”, die seinen Spätruhm begründeten, erschienen in diesem Jahr aber im Schweizer Arche-Verlag.
Eine Biografie im wahrsten Sinne des Wortes. Gunnar Decker geht es um Benns Persönlichkeit und um seinen Weg als Künstler. Auf das Werk wird sekundär eingegangen, besonders gerne aber dann, wenn sich durch sein Werk Aufschlüsse zu seiner Person ergeben. Natürlich geht Gunnar Dekker auch auf die berühmtem Gedichte ein, die der Dichter in Hannover verfasste (”Einsamer nie” u.a.). Eine Biografie wie ich sie mir wünsche: Um Sachlichkeit bemüht, und sehr lebendig geschrieben. Ich mochte das Buch nur sehr ungerne aus der Hand legen.
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Bartholomäus Grill: Ach, Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
26.4.2012 von mArtinus.
Der Autor war politischer Redakteur der „Zeit“ und wurde 1993 als Korrespondent nach Afrika entsandt.
Wir Europäer können Afrika nur aus der europäischen Perspektive betrachten. Das Buch beginnt mit der Frage, ob ein Europäer überhaupt in der Lage sein kann, ein Buch über Afrika zu schreiben. Afrika ist in vieler Hinsicht ein unbekanntes Land. Wir verstehen nicht eine einzige der vielen afrikanischen Sprachen. Was halten wir von den Medizinmännern? Bitte mal ganz ehrlich. Ist das esoterischer Humbug? Wenn die traditionelle Medizin nicht weiterhilft, geht man zum Medizinmann. Grill trifft einen, der großes Ansehen hat, weil er heilen kann, aber gegen Aids kann er auch nichts machen. In Afrika fühlt sich ein Europäer weiß. Er fällt auf, wie ein Fremdkörper. Ich selber denke auch, Afrika zu verstehen ist äußerst schwierig. Grill spricht von ziemlich krassen Gegensätzen. Das erste Kapitel sehr treffend mit „Im afrikanischen Wechselbad“ tituliert. Mal einige Stichworte, die auch genannt werden: Dürre, Hunger, Seuchen, Krieg, Massenelend, Slums in der Ebene von Kapstadt, ein Kind stirbt am Hunger, Massengrab in Ruanda, Kindersoldaten. Ist Afrika schrecklich? Nur ein „Herz der Finsternis”?
Nein. Es gibt auch die schönen Seiten: Den Tanz der Masken bei den Dogon mitzuerleben, ein gewöhnlicher Urnengang in Mosambik verwandelt sich in ein Volksfest der Demokratie. Bewunderung der Kreativität in der Armut, ihre Langsamkeit, ihren Gleichmut zu schätzen wissen. Schönheit kann aber auch blenden. Grill erzählt, sie
„stehen im milchigen Frühlicht, die ersten Sonnenstrahlen fallen in die Fluchten eines Palmenhains, handtellergroße Falter steigen aus dem Gras …..Aber der Nebel weicht, es wird hell und heiß, zwischen den Baumreihen entdecken wir Männer mit Macheten. Es sind Lohnsklaven, und das Idyll ist eine Plantage….“
In Afrika kann man sich buchstäblich verfransen. Das was wir als Feldweg bezeichnen würden, gilt im Kongo als Straße, auf der man stündlich mit einem Geländewagen nur 17 Kilometer vorankommt. Und dann gibt es Abzweigungen, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind, und die Reisegesellschaft in die Orientierungslosigkeit katapultieren können. Einmal falsch abgebogen und……
Afrika, der große unbekannte Kontinent. Grill zitiert aus dem Tagebuch von Michel Leiris, der sich an einer Expedition mit dem Ethnologen Marcel Griaule beteiligte:
„Ich verzweifele daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag.“
Fragen wir mal anders herum: Würde ein Afrikaner und Europäer verstehen?
Ein Auslandskorrespondent, wie der Autor einer ist, ist
„eine Art moderner Kannibale, der sich am Elend Afrikas bereichert und sich nicht viel anders verhält als eins die Kolonialherren, nur dass er nicht Elfenbein, Tropenholz, Diamanten oder Kautschuk plündert, sondern Bilder und Informationen. Mit diesem Material fabriziert er das miserable Image Afrikas….“
Batholomäus Grill schreibt in einer gehobenen Sprache und tastet sich sehr behutsam in den Schwarzen Kontinent hinein.
Afrika in seiner Ganzheit zu erfassen wird uns vielleicht nie gelingen. Oder doch? Ahnenkult, Fruchtbarkeitsrituale, Regenmacher, „Stahlgewitter über Somalia, Mordbrennende Kindersoldaten, Hunger, Seuchen, Massenelend.“ In Afrika gibt es den Katastrophenjournalismus, Journalisten, die von einem afrikanischen Land ins nächste tingeln. Ryszard Kapuściński kritisiert, dass „diese Journalistenkeine Ahnung haben, wo sie sich kulturell befinden, sie arbeiten ohne historisches Hintergrundwissen.“ Wir Europäer lenken meist auch nur unsere Aufmerksamkeit auf das Hungerelend, auch wenn es das nicht überall in Afrika gibt. Positive Seiten Afrikas gehen da schnell unter. Sensationsmeldungen lassen sich eben besser verkaufen, als hintergründig tiefschürfende Information. Auf diese Weise ein Wissen über Afrika nur in oberflächlichen Gefilden herum irrt. Sinngemäß sagt das Grill so.
Im Folgenden präsentiert der Autor eine historische Bilanz von Fehlurteilen und Vorurteilen über Afrika, die seit den Bekenntnissen des Göttinger Professors Christoph Meiners, also seit 1790, die Menschheit beeinflusst haben. Meiners ist so eine Art Vorläufer der Rassisten Arthur Gobineau und Houston Stewart Chamberlain, Meiners nur übelste Verleumdungen für Schwarze übrig hatte. Aus solche Vorurteilen dann auch das dämliche Kinderlied „Zehn kleine Negerlein“ entstanden ist. Man sieht, welchen Einfluss solche Rassisten haben können. Grill stellt fest, das Meiners Ansichten schon einer langen Tradition von Denkern anhaften und verweist auf Aristoteles, der von sich gelassen hat, die Griechen hätten das Recht, über die Barbaren zu herrschen, sie hätten ja eine angeborene Servilität, sogar Hegel habe, so Grill, “das philosophische Fundament der kolonialen Ideologie“ geschaffen.
Wo liegen die Ursachen für Afrikas Armut? Da gibt es die Einschätzung mit rassistischen Untertönen, die auch in Universitätsseminaren zu hören ist, dass nämlich „die Afrikaner ihr Elend selber verschuldet haben; sie seien eben rückständig, korrupt, ja unfähig sich zu entwickeln.“ Eine andere Ansicht geht dahin, dass der Aberglaube der Afrikaner der Hauptgrund ihrer Misere seien. Die zweite Meinung, so Grill, kommen aus dem Lager der Gobalisierungsgegner und Dritte – Welt – Bewegten, denn sie sind überzeugt, „dass die Not Afrikas durch Außenmächte verursacht werden.” Grill weist darauf hin, dass afrikanische Realitäten komplizierter und vielschichtiger sind, als dass eine dieser Theorien zutreffen könne, sagt aber auch, beide Erklärungsversuche haben einen wahren Kern.
Der Autor weist auf die besonderen geograhischen und klimatischen Verhältnisse hin, auf Naturkatastrophen und Seuchen – ein Kontinent der Extreme. Die geographischen Verhältnisse haben einen sehr ungünstigen Einfluss auf die Wirtschaft, da sich viele afrikanische Staaten sich im Binnenland befinden. Der Transport von Waren selbst und die Transportkosten zum Problem werden. Außerdem wurden Länder von Europäern und Arabern ausgebeutet und mit dem Sklavenhandel setzte die Globalisierung ein.
„Die Kolonialherren hinterließen verbrannte Erde“
verwüsteten das Land, machten Landstriche unbewohnbar.
Afrikaner machen gerne die Kolonisation für ihre Misere mitschuldig. Doch ganz so einfach ist das nicht. In Afrika wird auch sehr schlecht gewirtschaftet Grill nennt Beispiele, u.a. Kongo und Nigeria. Über Nigeria schreibt Chinua Achebe, es „ ist einer der korruptesten, abgebrühtesten, untüchtigsten Landstriche unter der Sonne.“
„Die einheimischen Eliten machten nach der Unabhängigkeit genau dort weiter, wo die Kolonialherren aufgehört hatten: Sie übernahmen ihre Positionen und Privilegien, die Schreibtische und Swimmingpools,, die Seidenbetten und die Dienerschaft.“
Um dieses Problem zusammenzufassen, übernehme ich noch eine Aussage des Autoren:
„Die Not der Völker Afrikas wird fortdauern, weil es seinen Eliten an den Mitteln, am Know – how und am Willen fehlt, sie zu überwinden.“
Besonders interessant finde ich das Kapitel „Das Alte stirbt“ Hier geht es um den Kontinent, der zerrissen ist zwischen Tradition und Moderne. Auch das schriftstellerischen Werk von Ngũgĩ wa Thiong’o erzählt viel davon. Das Volk der Betamaribé (Benin, Westarfika) konnte aufgrund seiner Abgeschiedenheit Sitten und Gebräuche seit der Eisenzeit bewahren, dagegen konnten islamische Religionskrieger, christliche Missionare und Kolonialherren nichts ausrichten. Doch wie lange die „Modernisierungswalze“ hier noch aufgehalten werden kann ist ungewiss (das erinnert ein wenig an Mario Vargas Llosa ’s Roman „Der Geschichtenerzähler“).
Eine streitlustige Afrikanerin Namens Axelle Kabou fällt sehr kritisch über Afrika her und macht sich dort unbeliebt. Sie versteckt sich aber nicht vor bitteren Wahrheiten.
„Sie weinen ihrer paradiesischen Vergangenheit nach. Sie leben psychologisch im Mittelalter. Sie bringen nichts zustande, um ihre Not zu überwinden...“ usw.
Axelle Kabou verfasste eine Streitschrift. Afrika am Abgrund.
„Sie macht nicht nur machtkranke Staatschefs und korrupte Eliten für die Malaise des Kontinents verantwortlich, sondern auch das ganz normale Volk, jeden Einzelnen.“
Das Problem ist, Afrikaner glauben immer noch, sie müssen wegen dem Leid der Kolonialherrschaften Rettung aus dem Westen bekommen. Die Opfer – und Bettlerhaltung werde durch „die Humanitätsduselei naiver weißer Helfer bestärkt.“ Albert Schweitzer schrieb schon, den Afrikanern fehle der „Fortschrittswille“. Kabou, so Grill, übersieht manches, z.B. dass die Modernisierung der Gesellschaft aufgepfropft worden ist. Das mag stimmen, wir im Westen wollen alle Demokratisieren, uns einmischen usw. Ein Volk muss aber auch dazu bereit sein. Kabou spricht von einer Verweigerung der Modernisierung.
Ein wichtiger Aspekt in diesem Kapitel werden durch die Naturreligionen eingenommen. In Nigeria gibt es 1700 Gottheiten. Für jedes kleines bisschen gibt es Schutzgeister, Dämonen, die Ahnen, die immer noch wirkungsmächtig, real existieren. Mal eine Zahl: Schätzungen zufolge, wurden zwischen 1994 und 1998 in Tansania 5000 >Hexen< umgebracht. Eine Welt, die für manche christliche Missionare eine grauenhafte Vorstellung sein müsste. Aber, wir wissen ja, das Christentum ist aus dem Heidentum entstanden und Grill findet Parallelen der Naturreligionen zum „alpenländischen Katholizismus“. Grill selbst erlebte diese Atmosphäre in den Alpen: ein vielköpfiges Pantheon von Heiligen, die in der Not helfen (St. Florian, Antonius usw.). Zu Ostern wurden geweihte Eierschalen an den Ecken der Äcker gestreut, man trieb dem Vieh böse Geister aus und vieles mehr. Aberglaube ähnlich wie in Afrika. In großen Zügen exportiert Nigeria das Christentum.
„Die moslemische Mehrheit im Norden wird gegen Andersgläubige aufgehetzt von einer Oberschicht, deren macht seit dem Ende der Militärdiktatur erodiert.“ Der nigerianische Präsident Obusegun Obasanjo bagatellisierte in Gegenwart vom Autor die Zusammenstöße von Christen und Moslems, dabei sind Tausende gestorben, Moscheen und Kirchen brannten. Der Kampf der Kulturen, über den P. Huntington ein Buch geschrieben hat, hat in Nigeria schon längst begonnen, sagt Grill.
In den folgendem Kapiteln geht es um den Big Man, den Präsidenten diverser Staaten. Grill beginnt mit der Elfenbeinküste.ich habe den Namen noch nie gehört:Houphouet - Boigny. Ominipräsent wie ein Gott. Auf Briefmarken, auf T- Shirts. Fernsehnachrichten sind wie seine Hofnachrichten. Bilder auf dem Flughafen der Haupt: viril und ewig jung usw. Kritik der Opposition wird nicht geduldet, der Staat ist sein Eigentum. Wenn er mehr Geld braucht, wird eben mal was gedruckt. Es ist doch logisch, dass dort nichts vor sich geht, wenn sich Big Men nur um ihr aufgeblähtes Ego kümmern.
Mobutu Sese Soko Kuku Ngbendu heißt „der Gockel, der alle Hennen deckt.“ Das war der Präsident von Zaire, der bis bis zum Halbgott brachte. Grill ist einem Dutzend dieser Big Men begegnet. Die Gemeinsamkeiten dieser Leute fasst er so zusammen:
„Das obsessive Festhalten an der Macht, die Verteidigung ihrer Alpha-Position mit allen erdenklichen Methoden.“
Für Richard von Weizsächer war Robert Mugabe noch ein „kluger, besonnener, Politiker“, als Weizsächer auf Staatsbesuch in Simbabwe war. Mugabe hat aber das Land künftig so heruntergewirtschaftet, dass aus der ehemaligen Kornkammer Afrikas ein Land der Armut mit sechs Millionen hungernden Menschen geworden ist. Für das Zerstörungswerk brauchte er 20 Jahre (1980- 2000). Und dann für den zum Big Man geworden sein Kampf um den Machterhalt. Er wird immer unbeliebter, zum ersten Male stellt sich ihm jemandenüber. So zieht er künftig mit Gewalt und Raub über das Land:
„Seine Reservearmeen…besetzten Farmen, die sich nach wie vor in der Hand weißer Großgrundbesitzer befinden, und überziehen die Provinzen mit einer regelrechten Terrorkampagne: Sie foltern, plündern, vergewaltigen, töten.“
Mugabe will sich die geraubte und erschwindelte Heimaterde wieder zurückholen. Er selbst wurde in Kolonialzeit von Weißen gejagt und misshandelt. Als Machthaber fühlt er sich wie ein Mesisas oder Moses, ein Vollstrecker der Geschichte, der , so Grill, noch recht bescheiden lebt. Er heiratete aber „eine luxusgeile First Lady“, die eben einen negativen Einfluss auf ihn hatte.
Nach dieser Vorführung einiger Big Men wundere ich mich doch, dass es in Afrika demokratische Bewegungen gab. !989, nachdem in Deutschland die Mauer gefallen war, gab es in Afrika in verschiedenen Staaten demokratische Bewegungen. In Südafrika erwartete man das Ende der Apartheid, Namibia wird unabhängig. Diverse Staaten waren im Umbruch. Doch diese Umbruchsstimmung währte nicht lange. Mobutu, koguleischer Führer sagte nur, sie seien Demokraten, weil ihn verschiedene europäische und amerikanische Sponsoren den Geldhahn zudrehen wollten. Halbherziger Demokratiewille. Es gab immer nur eine Partei im Kongo.
In Kenia ist zur Jahreswende 2002/2003 ein Big Man abgewählt worden. Der neue im Staate, Mwai Kibaki, ist ein Ökonom. Ob er die Wende geschafft hat, konnte Grill in seinem Buch nicht mehr berücksichtigen. In Uganda z.B. ist ein demokratischer Versuch gescheitert. In den krisengeschüttelten Ländern scheint es schwer zu sein, Demokratien zu verwirklichen. Die Hoffnung darin schwindet auch sehr schnell, wenn es im anschließenden Kapitel um postkoloniale Gewalt geht. Je weiter im Buch fortgeschritten wird, senkt sich doch ein düsterer Geist über mein Gemüt. Afrika ein grausames Land? In Somalia sind dem Autor einige Geschosse über dem Kopf geflogen.
„Die Zahl der Landminen in Angolas Erde – rund zehn Millionen – übersteigt die Zahl seiner Einwohner.“
1975 wird die Caetano-Diktatur in Portugal durch die Nelkenrevolutuion gestürzt. Die Kolonialherrschaft in Angola ist beendet. Seitdem herrscht dort aber „ein korruptes marxistisches Regime. Von einer Katastrophe in die nächste. Savimbi, der sich als Freund von Franz Josef Strauß bezeichnete, verlor die ersten freien Präsidentschaftswahlen in Angola, sprach von Wahlbetrug und zettelte einen Bürgerkrieg an. Er selbst wurde mit Kugeln durchsiebt. Dr. Johann Savimbi war einer der grausamsten postkolonialen Rebellenführer. 30 Jahre wütete er mit Gewalt durch das Land. „Afrika, der blutige Erdteil“, sagt Grill, „seit 1945 wurden im Süden der Sahara 54 Kriege und Bürgerkriege geführt.“
Im Grills Buch schimmern ja immer wieder die Reaktionen des Westens durch. Afrika gilt als ein verlorener Kontinent, den man abgeschrieben hat. Auf dem Friedensgipfel für den Kongo, der 1999 in Lusaka (Sambia) stattfand, erschienen nur zwei europäische Journalisten, keiner aus den USA. Aldo Ajello, Sondergesandte der Europäischen Union sagte: „Es ist leider wahr, das auswärtige Interesse ist extrem begrenzt.“ Die Kongolesen sind auch nicht ernsthaft an einem Waffenstillstand interessiert. Und so läuft alles den Bach hinunter. Laurent Kabila wird umgebracht, Joseph Kabila überimmt die Macht. Das Blutvergießen geht weiter. Fachgelehrte sprechen über eine „Somalisierung“ (Anarchie) Zentralafrikas. Die Weltgemeinde schickt ein paar Sondergesandte in den Kongo, die nichts ausrichten können. Es herrscht die Resignation. Man könne sowieso nichts machen, den Krieg müsse man ausbluten lassen. So wie Grill das beschreibt, ist von den Industrieländern keine Hilfe zu erwarten. Das ist das schockierende. Und so geht das Dilemma weiter: Völkermord in Ruanda, 15. April 1994: Die Grausamkeiten und Hintergründe möge man im Buch lesen, ich wiederhole sie nicht und möchte nur das Verhalten des Westens, insbesondere der UNO, erwähnen. In den USA bemühte man sich, das Wort Genozid nicht in den Mund zu nehmen, denn bei einem Genozid, wären sie verpflichtet gewesen, einzugreifen. Bill Clinton sprach vom „Stammesgroll“ und Mitterand: „ Ein Genozid ist in Afrika nicht so schlimm wie anderswo.“ (Seite 279). Wer mag schon gerne glauben, dass ruandische Militärs von Französen ausgebildet wurden, zwischen 1990 und 1996 hat es 36 Waffenlieferungen nach Ruanda gegeben. Dieser Völkermord wäre zu verhindern gewesen. Grill erzählt vom Kommandeur der Friedensrtruppen in Ruanda, Roméo Dallaire, der schon am 11. Januar 1994 ein verschlüsseltes Telegramm nach New York gesandt hat, „das detaillierte Informationen zum geplanten Genozid“ enthielten.“ Leider wurde die Gefahr nicht als ernst genug eingestuft. Stattdessen, der Genozid war längst im Gange, reagierte die UNO auf Empfehlung von Kofi Annan und ließ 270 Blauhelme abziehen. Der Abzug der Blauhelme ist filmisch dokumentiert
.
>„Lasst uns wenigstens die Waffen da, damit wir uns verteidigen können,“ betteln die Schutzlosen.<
Kofi Annan entschuldigt sich später für diese Fehlentscheidung.
AIDS
In Afrika wird über AIDS nicht geredet. Ein Tabuthema wie Sexualität. Im Parlament von Südafrika war im Oktober 2001 das Thema AIDS/HIV angesetzt, auf der der Präsident die Infektionsrate bezweifelte, obwohl damals 4,7 Millionen Menschen infiziert waren. Gerne werden andere Gründe als Krankheitsursache vorgeschoben, als Sexualität. Man versteht nicht, warum nach der Apartheid die Befreiten sterben und hängt sich an abstruse Theorien wie die von zwei Amerikanern, die von einer „Viruslüge“ sprechen, die Ursache für das Massensterben in der Armut zu finden glauben. Für die südafrikanische eine willkommene Irrlehre, „denn durch sie lässt sich die Pandemie auf die elenden Lebensbedingungen zurückführen, welche die Apartheid hinterlassen hat.“. Und solange geglaubt wird, dass Anti- Aids - Medikamente Gift sind, die zum Genozid führen können, und die Schwarzen nur als Versuchskaninchen behandelt werden, sind natürlich die Hilfen aus dem Westen nur eingeschränkt möglich. Ein anderes Problem noch, viele Afrikaner sehen nicht ein, Präservative zu benutzen. Grill begegnet einen Jäger aus Tansania, der ihm sagt, Präservative eigenen sich besonders gut zum Abdichten des Gewehrlaufs, wenn man duch einen Fluss watet. Die Ursachen von Aids in Afrika sind eben auch sehr vielschichtet. Ich vermute mal, dass das Kondomverbot der Kirche gar nicht mal so einen großen Einfluss hat. So erzählt Grill, dass es in Afrika fortschrittliche Kirchenleute gibt, die den Unsinn des Vatikans ignorieren. Wie hirnverbrannt rückständig die Behauptung ist, Aids sein eine von Gott auf die Erde gebrachte Lustseuche, betont Grill mit einer Behauptung von Paracelsus, der im 16. Jahrhundert lehrte, „der Allmächtige habe die Syphillis auf die geile Menschheit herniedergeschleudet.“
Mehr noch über Kirche und AIDS in Afrika wird sich in Grills Buch: Gott Aids Afrika: Das tödliche Schweigen der katholischen Kirche
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António R. Damásio: Descartes’ Irrtum
13.3.2012 von mArtinus.
António R. Damásio ist auf dem Gebiet der Neurologie eine international anerkannte Autorität und hat als Wissenschaftler eine sympathische bescheidene Haltung eingenommen. Er sagt, die Erkenntnisse der Neurobiologie und auch anderer Wissenschaften sind nicht mehr „als eine vorläufige Annäherung …. an denen wir uns eine Zeit lang erfreuen können, die wir aber aufgeben müssen, sobald bessere Erklärungen zur Verfügung stehen“. Das sollte auch das Grundprinzip der Wissenschaft bleiben. In bisher drei Büchern legt er aus neurologischer Sicht seine These nieder, der französische Philosoph Descartes habe mit seiner dualistischen Anschauungsweise über Körper und Geist unrecht. (Leib-Seele-Problematik). Die drei Bücher sind: 1) Descartes’ Irrtum, 2) Ich fühle also bin ich, 3) Der Spinoza-Effekt.
Ausgehend von der Analyse des berühmten klinisch – neurologischen Falles von Phineas Gage möchte der Autor darlegen, dass vernünftiges Handeln ohne Gefühle nicht möglich ist und räumt auf diese Weise mit dem Vorurteil auf, man müsse Gefühl und Verstand auseinander halten. „Bestimmte Aspekte von Gefühl und Verstand sind unentbehrlich für rationales Verhalten.“ Der Bereich der Empfindungen nimmt einen großen Teil des Buches ein. Weiterhin stellt Damásio seine Hypothese der „somatischen Marker“ vor und stellt Descartes` Dualismus von Körper und Geist, Verstand und Gefühl, Biologie und Kultur in Frage.
Der neurologische Fall des Phineas Gage war damals im Jahre 1848 etwas besonderes, weil es der erste Fall gewesen war, bei dem eine Schädigung soziale Konventionen, moralische Regeln außer Kraft setzen ohne dass das Denken, der Intellekt und Wahrnehmung beeinträchtigt wurde. Nach einer Explosion durchbohrte dem Mann 1848 einen Eisenstange die linke Wange und die Schädelbasis, durchquerte anschließend den vorderen Teil des Gehirns und trat mit hoher Geschwindigkeit aus dem Schädeldach wieder aus. Auffallend war auch die Dissoziation bei Gage, das Missverhältnis zwischen seinem charakterlichen Verfall und der Unversehrtheit zahlreicher geistigen Fähigkeiten. Für die neurologische Forschung war es nun wichtig, andere Patienten mit Schädigungen in der präfrontalen Regionen zu finden, um zu sehen, ob die neurologischen Ausfälle sich dem Fall Gage ähneln. Und man hat sie gefunden. Damásio beschreibt vier Fälle aus dem 20. Jahrhundert, Patienten, die auch Probleme mit Entscheidungsprozessen hatten. Damásio selbst betreute solch einen klinischen Fall, einen Mann, der einen Tumor, ein Meningiom hatte, der das Gewebe des Stirnlappens beeinträchtigte, sodass bei der Operation auch Gewebe entfernt werden musste. Ein Meningiom ist zwar ein gutartiger Tumor, der sich aus den Meningen, der Hirnhäute, entwickelt, muss aber trotzdem entfernt werden, weil er Raum fordert. Dieser Patient erlebte privat ähnliche tragischen Umstände wie Phineas Gage. Dieser Patient litt auch an Gefühlsarmut litt. Die Ähnlichkeit mit Gage war frappierend, zeigten beide doch Störungen im Sozialverhalten und in der Entscheidungsfindung, ihr soziales Wissen aber nicht gemindert war. Obwohl die Quellenlage nicht viel darüber hergibt, litt auch Gage wahrscheinlich an Gefühlsarmut. Damásio verweist auf seine zur Schau gestelltes Selbstmitleid, bei dem ihn das Gespür für Peinlichkeit fehlte.
Es gibt noch eine andere Erkrankung, die Ähnlichkeiten mit der Phineas Gage-Matrix aufweist. Es handelt sich um Anosognosie. Bei dieser Diagnose erkennt der Patient seine eigene Krankheit nicht. António Damásio gibt uns ein plastisches Beispiel. Durch einen Schlaganfall ist jemand linksseitig gelähmt, der Betroffene erkennt aber überhaupt nicht dieses Problem, obwohl er z.B. seine linken Extremitäten gar nicht bewegen kann. Es ist aber nicht so, dass der betroffene seine Krankheit psychologisch verdrängt, ihm fehlt einfach die Fähigkeit, seine Erkrankung zu erkennen. Das dieses so ist, erkennt man daran, dass Patienten mit einer rechtsseitigen Lähmung nicht an Anosognosie leiden.
Bevor António R. Damásio erläutert, welche Arreale im Gehirn von Phineas Gage beschädigt waren, macht der Autor einen kleinen Exkurs in die Anatomie des Nervensystems. Der Leser dieses Buches braucht jetzt nicht fürchten mit unverständlichen Fachsimpeln gequält zu werden. Im Gegenteil. Damásio versteht es ausgezeichnet, einem Laien auf sehr anschauliche Weise zu erzählen, wie unser Gehirn und wie eine Nervenzelle aufgebaut ist. Wir lernen den Unterschied zwischen grauer und weißer Substanz kennen, Großhirnrinde, limbischer Cortex usw. Ich weiß noch, wie ich mich mit John C. Eccles abgequält habe, wenn er die Funktionsweise der Neuronen erklärt. Bei Damásio ist das eine Wohltat. Anschließend dann der Blick auf die Eisenstange, die den Schädel des Phineas Gage durchbohrte. Die Eisenstange beschädigte keine Areale, die für Sprache, Bewegung usw. zuständig sind, sondern die Verletzung konnte in die präfrontale Region ( ventromediale Region) bestimmt werden, diese Region eine wichtige Rolle für normale Entscheidungsprozesse zuständig ist. Nun wusste man Bescheid, warum sich Phineas Gages Persönlichkeitsstruktur gewandelt hatte. Die Erkenntnis, die daraus gezogen wurde, ist, dass ein Mangel an Gefühlen ursächlich für irrationales Verhalten sein kann.
António Damásio erläutert seine Ansicht über den Geist. Neuronale Aktivitäten müssen zu Vorstellungsbildern werden, zum Denken und Verhalten animieren, planende Handlungen bestimmen. Das sind an sich die Auswirkungen neuronaler Schaltkreise, die das zustande bringen, was wir als Geist bezeichnen. Selbstverständlich nimmt unser Geist auch Beziehung zur Umwelt auf und umgekehrt. Nun wollen wir noch wissen, was ein „cartesianisches Theater“ ist. Dieses ist eine Bezeichnung von Daniel Dennett aus seinem Buch „Philosophie des menschlichen Bewusstseins“, und meint den Irrtum, dass viele Menschen annehmen, das eine spezielle sinnliche Erfahrung in nur einer einzigen Gehirnstruktur verarbeitet würde. Das ist falsch und widerspricht neurologische Erkenntnisse. Im Gehirn gibt es keinen keinen speziellen Bereich, in dem gleichzeitig alle Sinnesmodalitäten verarbeitet werden. Mir fällt das Beispiel ein, ich sitze im Theater, auf der Bühne Ballett „Schwanensee“: Gleichzeitig höre ich Musik, sehe Bewegung, sehe Farbe (Bühnenbild, Kleidung der Tänzerinnen und Tänzer). Meine Sinne erfassen vieles, aber im Gehirn ist nicht nur eine spezielle Gehirnstruktur dafür verantwortlich, sondern es setzt eine neuronale Aktivität in verschiedenen Gehirnregionen voraus.
António R. Damásio unterscheidet zwischen Empfindungen, die mit Gefühlen in Verbindung stehen, bei vielen anderen das aber nicht der Fall ist. Empfindungen, die nicht aus Gefühlen entstanden sind, bezeichnet er als Hintergrundsempfindungen. Zuerst werden die Empfindungen der Gefühle betrachtet. Empfindungen können bei einem Menschen von außen betrachtet werden und von innen, z.B. Änderung der Herzfrequenz, Verkrampfung von Verdauungsorganen. Von Nervenendigungen ausgehend, von Haut, Blutgefäßen, Viscera (Eingeweide), willkürlichen Muskeln, werden die Veränderungen an das Gehirn übermittelt. Der Weg läuft über das Rückenmark zum Hirnstamm und gelangt bis zum Thalamus, und zieht über den Hypothalamus und limbische Strukturen weiter zu bestimmten somatosensiblen Rindenfeldern in den Bereichen von Insel und Schläfenlappen weiter. Neben einer neuralen Impulsweitergabe, werden während einer Gemütsbewegung Hormone und Peptide (Protein) in den Blutkeislauf ausgeschüttet und gelangen u.a. über die Blut-Hirn-Schranke ins Gehirn. Wenn wir Empfindungen wahrnehmen werden wir Zeuge körperlicher Veränderungen, während uns Gedanken und bestimmte Inhalte durch den Kopf gehen.
Unter Juxtapositionen werden in diesem Kapitel zwei diverse Empfindungen verstanden, die eng beieinander liegen, d.h. wir können uns, auch wenn wir an erfreuliche Dinge denken, uns niedergeschlagen fühlen. Das Hintergrundempfinden ist unabhängig von Gefühlen. Es ist
„…in Melodie und Rhythmus das Empfinden des Lebens selbst, das Empfinden des Seins.“
(hier wird Wissenschaft zur Philosophie, fein).
Damásio erzählt uns auch wie Empfindungen entstehen.
Kommen wir nun zur Hypothese der somatischen Marker. Als Ausgangspunkt entwirft Damásio ein Szenario, was zu einer Entscheidung zwingt. Ein Großunternehmer trifft sich mit einem wichtigen Kunden, der zufällig der Erzfeind seines besten Freundes ist. Darauf reagiert unser Gehirn mit blitzartig ablaufenden Vorstellungsbildern. Das Gehirn arbeitet. Wie kommt der Großunternehmer zu einer Entscheidung? Er will seinen Freund nicht verlieren, will sich auch nicht ein gutes Geschäft durch die Lappen gehen lassen. Somatischen Marker sind körperliche Empfindungen, die wir bei Entscheidungsprozessen wahrnehmen, die unsere Entscheidung beeinflussen. Als Intuition können sie eine negative Entscheidung stoppen, eine gute Entscheidung unterstützen. Rationalität und Empfindung arbeiten Hand in Hand. Somatische Marker unterstützen unser Denken. Damásio geht davon aus, dass viele somatische Marker im Laufe der Erziehung und Sozialisation entstanden sind. Bei Soziopathen und Psychopathen, die kaltblütig handeln, werden somatische Marker nicht ausgebildet. Solche Menschen können morden, ohne mit der Wimper zu zucken. Das sei bemerkt, um die Bedeutung unsere Empfindungsfähigkeit zu würdigen. Bei Menschen wie Phineas Gage, bei denen eine Hirnschädigung in den präfrontalen Rindenfeldern vorliegt, haben auch keine somatischen Marker. Die neuronale Funktion ist also ausschlaggebend. Somatische Marker können auch verdeckt wirken, wenn sie nicht in unsere Aufmerksamkeit rücken.
Kommen wir noch einmal auf das Verhältnis von Geist und Körper zurück:
„Zwar vertrete ich die Auffassung, dass der Geist aus Aktivitäten in neutralen Schaltkreisen entsteht, meine aber auch, dass viele dieser Schaltkreise während der Evolution durch funktionelle Bedürfnisse des Organismus gebildet wurden und dass normale geistige Funktionen nur möglich sind, wenn in diesen Schaltkreisen grundlegende Repräsentationen des Organismus vorliege, und wenn sie fortlaufend die Zustände des Organismus verfolgen.“
Aus diesem Zitat ergibt sich schon, das Damásio dem Dualismus nicht erlegen ist. Da auch die Umwelt auf unseren Körper und Geist einwirkt, können wir im Sinne Damásios zusammenfassen: Unser Dasein besteht aus einer Wechselwirkung von Körper, Geist und Umwelt. Dieses wird im Buch postuliert und ist auch völlig logisch. Ohne einem Gehirn funktioniert der Körper nicht, ohne Umwelt ist unser Dasein unvorstellbar, ein Gehirn ohne Körper kann nicht funktionieren.
Das Buch ist ohne Einschränkungen unbedingt zu empfehlen.
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Denis Johnson: In der Hölle - Blicke in den Abgrund der Welt
13.3.2012 von mArtinus.
In der Hölle selbst ist die Hölle Normalität. Der Band enthält zwei Reportagen über Liberia und eine über Somalia. Somalia ist seit Jahren schon in Anarchie versunken, Liberia von Bürgerkriegen und mörderischen Diktatoren durchgeschüttelt. Da erscheint es natürlich, dass Denis Johnson mit einem journalistischen Auftrag aus einem westlichen Industrieland in solch einer Hölle, in der Gewalt Normalität ist, zum Außenseiter wird.
Viele Jahre hatte ich keine Ahnung, dass es einen Staat gibt, der Liberia heißt. Die Bürgerkriege gingen offensichtlich nicht durch die gewohnten Medien. Erst als Charles Taylor 2006 nach Den Haag vor das Kriegsverbrechertribunal geführt worden ist, habe ich erstmals von diesem Land gehört. Auch Denis Johnson fragt: „Wo liegt Liberia? Kümmert es da draußen irgendwen?“ Nein, es kümmert kaum einen, und Johnson konnte dies nicht treffender formulieren. Der Horror in manch afrikanischen Staaten, man denke auch an Ruanda, ist im Bewusstsein des Westens kaum angelangt. Es scheint so, dass Afrika für die westlichen Industrieländer ein schwarzer unbekannter Kontinent geblieben ist. Das zeigt auch, wie wir von Medien beeinflusst werden. Wird nicht berichtet, erfahren wir nichts, es sei denn, wir bemühen uns um fachliche Literatur.
Zitat von Denis Johnson
An einer großen Straße mit etlichen Handwaffenfeuer zerfressenen Gebäuden steht das Al Sahafi Hotel, fast ohne Einschusslöcher, alle drei Etagen vollkommen intakt, das letzte Fitzelchen Zivilisation in der Hauptstadt, wie ein Museum, in dem das Leben im zwanzigsten Jahrhundert ausgestellt wird.
Ungefähr so, wie ein „Fitzelchen Zivilisation“ muss sich Denis Johnson wohl in Somalia und Liberia gefühlt haben. Auf seiner zweiten Reise nach Liberia sollte Johnson Charles Taylor interviewen. Seine Ankunft an der Elfenbeinküste war angekündigt, er sollte abgeholt werden, alles war durchorganisiert. Doch Denis Johnson wurde nicht abgeholt. Offenbar wusste niemand, dass jemand im Auftrage des „New Yorker“ im Flugzeug saß. Alles was von westlicher Seite durchorganisiert war, hatte in Liberia Bedeutung verloren. Er war eben in der Hölle gelandet. Ein Treffen mit Charles Taylor wurde immer unwahrscheinlicher. Trotzdem, er hat ihn getroffen, allerdings misslang die Tonbandaufnahme des Interviews, weil das Mikrofon versehentlich schlecht posiert wurde. In diesem Land scheint nach westlichen Maßstäben überhaupt nichts zu funktionieren, stattdessen wird Johnson aufgrund seines eigenen Verhaltens selbst in unheilvolle Konflikte hineingezogen.
In unmittelbarer Nähe ein Bombenangriff:
Zitat von Denis Johnson
Eine Rakete hatte eine verfallene Tankstelle getroffen…Sie war durchs Dach gekommen, als sich ein Mann namens Joseph Koylo und seine Familie gerade darunter zum Gebet versammelt hatten.
Ein bewegender Satz über Taylors Kindergarde:
Zitat von Denis Johnson
..Diese kleinen Jungen sind die Soldaten, auf die Charles Taylor sich intuitiv verlassen kann, weil sie ihn lieben, als wäre er ihr Vater.
Auf der ersten Reise nach Liberia besucht der Autor Prince Johnson, den Gegenspieler Charles Taylors. der auf der Pressekonferenz, auf der Denis Johnson anwesend ist, ein Video vorführt, auf dem der bisherige Diktator Samuel K. Doe zu Tode gefoltert wird (er starb kurz nach der Videoaufzeichnung).
Wie das Töten dort zur Normalität geworden ist, besagt folgende Begebenheit: Prince Johnson empfing nigerianische Journalisten und führte sie durch seinen Sektor Monrovias. Während dieser Rundfahrt schoss er in ein Auto hinein, in dem ein europäisches Ehepaar saß. Der Mann war sofort tot, die Frau wurde verschleppt und ward nie wieder gesehen.
Denis Johnson berichtet von der Hölle auf Erden. In der Einleitung erzählt Georg M. Oswald über den ehemaligen Drogenkonsumenten Denis Johnson, über seinen literarischen Werdegang und bereitet den Leser auf die Reportagen vor. Er findet auch Parallelen zu Joseph Conrads „Herz der Finsternis“.
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Wladimir Solowjow/Elena Klepikowa: Der Präsident, Boris Jelzin - eine politische Biografie
23.11.2011 von mArtinus.
Mein Anliegen , eine Biografie über Boris jelzin zu lesen, lag in erster Linie darin, ich wollte wissen, wie das mit den Tschetschenien-Kriegen begonnen hatte, die dann von Wladimir Putin weitergeführt wurden. Diese Biografie, die in erster Linie eine politische Biografie ist, hebt hervor, dass Boris Jelzin völlig anders war, als seine Vorgänger. Schon seine Taufe war ungewöhnlich. Der Pope war betrunken und tauchte Boris in einem mit Wasser gefüllten Zuber, vergaß aber , ihn wieder herauszunehmen. In ihrer Geistesgegenwärtigkeit holte die Mutter den kleinen Boris, bevor er ertrinken konnte, aus dem Wasser. Durch diese Lebensrettung konnte Boris Jelzin später zum ernstzunehmenden Rivalen Gorbatschows werden und das russische Volk bekam seinen Helden und Verteidiger.
Gorbatschow holte ihn nach Moskau. Vom 24.12. 1985 bis zum 13. November 1987 war er Erster Parteisekretär im Kreml. Mit seinen Reformen verärgerte er Gorbatschow. Jelzin war ganz anders, als die Ersten Parteisekretäre vor ihm. Er verzog sich nicht hinter die Mauern des Kremls, sondern benutzte öffentliche Verkehrsmittel, tauchte unerwartet in Fabriken und Betrieben auf, gab Pressekonferenzen, beantwortete geduldig alle Fragen. Jelzin gefiel „sein Image als Einfaltspinsel vom Lande“ (Seite 39). Im Ural ist er geboren, in Swerdlowsk. Populismus wurde ihm vorgeworfen, weil er sich offenbar die Beliebtheit des Volkes auf der Straße holte. In den Warteschlangen vor den Geschäften stand er geduldig wie andere Moskauer auch. Moskau war damals „ein Augiasstall der Korruption, des Diebstahls und der Vetternwirtschaft (Seite 44) und „Jelzin, groß, stämmig, mit festem Schritt und physischem Durchhaltevermögen, mit unermüdlicher Energie und leicht aufbrausend,“, sollte den Augiasstall ausmisten. Er wollte die Probleme Moskaus lösen. Die problematische Wohnsituation vieler Moskauer, z.B. hausten 28000 Bürger in Bretterbuden, das Energieministerium war in der Kirche untergebracht, in der Puschkin getraut worden war. Diese Behörde sollte nun verlegt werden, eine 60 km lange U-Bahnstrecke sollte entstehen usw. Seine Ziele waren sehr groß, aber in den achtzehn Monaten seiner Amtszeit konnte er all das nicht schaffen. Die Liste seiner Vorhaben war sehr lang. Am Ende war er ein Ausgestoßener.
Jelzin war als Moskauer Parteichef Mitglied des Politbüros, allerdings nur als Kandidat ohne Stimmrecht. Hätte er seine Beliebtheit nicht verspielt, wäre er Vollmitglied mit allen Sonderprivilegien geworden. Diese Privilegien wollte er allerdings abschaffen, z.B die gepanzerten SIL-Limousinen, die vom Volk als „Särge“ bezeichnet wurden. Wenn so ein Sarg an eine Ampel kam, wurde sie auf grün geschaltet. Das Landei Jelzin konnte sich mit so etwas nicht anfreunden, er wollte auch die Datscha nicht, die Gorbatschow ihm überlassen wollte. Er lehnte alle Sonderrechte ab.
Zitat von Solowjow/Klepikowa
„Er war der einzige russische Herrscher, der es bis auf die Spitze des Eisberges geschafft hatte und dann wieder hinunter ins Tal abgestiegen war, ganz aus freien Stücken. Das war sein größter Bruch mit der alten Kremltradition.“
(Seite 55)
Usus war, man geht erst wenn man stirbt oder ausgestoßen wurde. Mit Jelzins Kampf gegen Privilegien wuchs das Missvergnügen in hohen Parteikreisen. Er wurde zum Rebell gegen Gorbatschow. Die Rivalität zwischen ihnen hatte persönliche und politische Gründe und begann, als Gorbatschow die Kontrolle seiner eigenen Revolution verlor. Er speiste seinem Kopf mit der fixen Idee, Jelzin sei am allen Schuld, was immer auch geschah. Außerdem drohte Gorbatschow an ihm den Rang an Beliebtheit beim Volk zu verlieren.
Boris Jelzin war der erste und ich denke, bisher der einzigste, der gegen die Kremlbonzen rebellierte. Am 21. Oktober 1987 hielt Jelzin eine vierminütige Rede, die nicht nur für ihn, sondern für das ganze Land Folgen hatte. Es kursierten diverse Gerüchte, was Jelzin an diesem Morgen wohl gesagt haben mag. Erst achtzehn Monate später wurde diese Rede veröffentlicht. Wir bekommen sie in dieser Biografie auch nicht gleich aufgetischt, sondern erfahren erst die Reaktion des Kreml-Areopags (Im Kreml wird alles protokolliert, die Quellen werden als Zitat aufgetischt). Das ist von den Autoren dieser Biografie bewusst so angelegt. Lasse man den Leser doch etwas warten, die Weltöffentlichkeit musste damals auch warten, bis sie die Rede zu lesen bekam. Ein herrlicher Trick. Immerhin ist ein Auszug dieser Rede abgedruckt, natürlich hätte ich diese gerne vollständig gelesen. Jelzin kritisierte u.a. die Bummelei in Sachen der Umsetzung der Perestroika. Das war natürlich ein Angriff auf Gorbatschow. Die Reformen wurden zu lahm umgesetzt, sodass auch die Bevölkerung den Glauben daran zu verlieren drohe. Die erste wichtige Konsequenz, die ich aus dieser Biographie zu ziehen habe, ist die, dass, wenn wir an die Perestroika denken, neben Gorbatschow auch Jelzin im Auge behalten müssen. Damals, um 1990, ich kann mich noch daran erinnern, dass nur Gorbatschow im Mitelpunkt des Weltintereses war.. Gorbatschow bekam auch den Friedensnobelpreis und Boris Jelzin wurde der erste postsowjetische Präsident Russlands. Ein Wunder, denn 1988 wurde er erst einmal seines Amtes im Kreml enthoben. Man wollte ihn loswerden, doch er kam zurück, 1989 in den Kongress der Volksdepurtierten. Was für eine mutige, an sich markante unübersehbare Persönlichkeit.
In unserer Biographie folgt ein siebzigseitiges Kapitel, in dem die unterschiedlichen Charaktere Jelzin/ Gorbatschow dargestellt werden. Zeitweise hatte ich den Eindruck ich lese eine Doppelbiografie, aber der Schwerpunkt wendet sich schließlich doch auf Boris Jelzin. Beide haben den gleichen Jahrgang und kommen vom Lande. An den beiden hätte Plutarch seine Freude gehabt. Der Verdienst dieser Biographie liegt auch darin, dass die Autoren den westlichen Leser vor Augen führt, dass Gorbatschow in den Jahren des Übergangs, 1990/91 von den Moskauer Bürgern sehr kritisch gesehen wurde. Boris Jelzin war viel beliebter. Das hatte folgenden Grund:
Es ging die Angst herum, eine Diktatur könne sich festigen. Während die künftigen baltischen Staaten schon eine Richtung zur Demokratie einschlugen, indem die Zentralisierung einer Partei aufgegeben wurde, war es in Moskau umgekehrt der Fall. In der Umsetzung der Demokratie war Gorbatschow viel zu zögerlich, und man konnte sogar einen Rückschritt zur Festigung der Diktatur beobachten. Im Herbst 1990 baute Gorbatschow seine Macht mit zusätzlichen Vollmachten im Kreml aus. Aus Protest trat Eduard Schewardnadse als Außenminister zurück. Er sagte aus:
Zitat von Schewardnadse
„Eine Reform geht zum Teufel! Eine Diktatur wird kommen. Ich erkläre das mit voller Überzeugung. Niemand weiß, was für eine Diktatur das sein wird, wer der Diktator ist und wie sein Regime aussieht.“
(Seite 288).
Einen Monat vorher kritisierte Schewardnadse Gorbatschow intern wegen des Massakers, welches russische Panzer in der litauischen Hauptstadt angerichtet hatten. Gorbatschow gab sich daraufhin unschuldig. Dazu sei von mir bemerkt, Gorbatschow bekam 1990 den Friedensnobelpreis für die Beendigung des Kalten Krieges und für seinen Beitrag für die Deutsche Einheit, nicht aber für die Zustände in der Sowjetunion. Am 19. August gab es gegen Gorbatschow den Putsch, der damals durch die Weltpresse ging.
Die Autoren dieser Biografie erweisen sich als detaillierte Kenner sowjetischer Verhältnisse. Sie selbst sind aus der Sowjetunion emigriert, und unternahmen in der Zeit zwischen Frühling 1990 und Herbst 1991 drei Reisen in die Sowjetunion, um dieses Buch schreiben zu können. In den USA hatten sie Kontakte zu Moskauer Freunden. Aufgrund der politischen Ereignisse im August 1991, mussten die Autoren, deren Biographie schon zur Hälfte geschrieben war, ihre Arbeit unterbrechen und feilten an der Einleitung dieser fantastischen Biographie. Den Autoren gelingt es, tief hinter die Kremlmauern zu schauen, was für mich etwas ganz besonderes war, denn noch niemals war ich so tief in der Sowjetunion drin, wie in diesem hervorragendem Werk. Gegen Ende des Buches, die Autoren standendamals unter Zeitdruck, denn der Termin zur Veröffentlichung des Buches kam immer näher, geben die Autoren eine ausführliche Analyse des Putsches und deren verworrende Hintergründe.
Zu Beginn dieser Buchbesprechung habe ich über meine Motivation gesprochen, eine Jelzin-Biographie zu lesen, um zu erfahren, warum Boris Jelzin mit den Tschetschenien-Kriegen begonnen hat. Diese Antwort muss mir ein anderes Buch geben, denn diese Biografie schließt mit dem Jahre 1991. Über dem letzten Kapitel lesen wir ein Zitat des römischen Historikers Livius, was ohne weiteres auf Jelzin ebenso zutrifft wie auf Hannibal:
„Hannibal, du verstehst zu siegen, aber wirst du deinen Sieg auch nutzen können?“
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Krzysztof Meyer: Schostakowitsch
17.10.2011 von mArtinus.
Diese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche Vorwürfr bodenloser Unsinn. Die Sowjetbonzen, das zeigt diese Biografie auch, hatten keine Ahnung von Musik und Kunst. In dem Artikel steht drin, die Musik verneine die Oper, der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist soll sich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw…
Wenn wir über Schostakowitchs Studienjahre lesen, können wir leicht erkennen, dass sich ein Generationswechsel von Komponisten vollzieht. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ähnlich erging es auch Maximillian Steinberg, Schostakowitschs Lehrer im und Konservatorium.
„Als Schostakowitsch kam und mir seine Aphorismen zeigte, sagte ich ihm, dass ich nichts davon verstünde, und dass mir diese Musik völlig fremd sei.“
Zeitweise musste Schostakowitsch Angst haben, selber verhaftet oder umgebracht zu werden. Künstler in seinem Umkreis fielen dem Stalinterror zum Opfer. Ab 1946 setzte eine harte Welle von Repressalien ein. Alles was aus dem Westen kam, wurde verteufelt: Jazz, Unterhaltungsmusik, Zwölftonmusik als Kakophonie verpönt. Besonders auch Literaten wurden verfolgt. Krzysztof Meyer hat den richtigen Weg eingeschlagen, und schreibt in Extrakapiteln über sowjetische Kulturpolitik. Natürlich dürfen wir nicht denken, Schostakowitsch habe unter dieser Diktatur keine Erfolge gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Im Grunde genommen galt Schostakowitsch den Sowjets sogar als Vorzeigekomponist, obwohl, dafür gibt es genügend Hinweise, der Komponist sich niemals der Kremldiktatur unterworfen hat. Das zeigt auch diese Biografie. Schostakowisch befand sich ständig im Kampf, sich nicht völlig unterkriegen zu lassen. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Stalingrad, erwarteten die Staatsbonzen eine heitere Symphonie des Sieges, Schostakowitsch aber einer sehr lange Symphonie des Trauers komponierte, die Achte, die zu den größten Meisterwerken des Komponisten zählt. Sie gedachte der Opfer. Die Symphonie Nr. 9, die dann wirklich den Sieg symbolisiert, ist zwar sehr heiter, aber ziemlich kurz. Ale er 1960 quasi mehr oder weniger gezwungen wurde, der Komunisischen Partei beizutragen, vergoss er sehr viele Tränen. Es ist kaum zu verstehen, wie Schostakowisch den Druck durch den Staat aushalten konnte. Immerhin schrieb er seit seit seinen Jüdischen Liedern, 1948, viele Jahre lang nur für die Schublade.
Da Krzysztof Meyer, der Autor dieser Biografie, selbst Komponist ist, erfahren wir über die Musik Schostakowitschs sehr viel. Viele Werke werden beschrieben, und dieses kann auch ohne große Bildung in Musiktheorie gut verstanden werden. Diejenigen, die Musiknoten lesen können, erfreuen sich sicher über die zahlreichen Notenbeispiele. Meyer ordnet ein, welche Stellung einzelne Musikwerke im Gesamtschaffen des Künstlers haben. Meiner Ansicht nach sollte während der Lektüre auch die besprochene Musik gehört werden. Eine gute Chance, sich in diese Musik zu vertiefen, da auch Meyer uns in seinen Beschreibungen einen Zugang zur Musik öffnet. Schostakowitschs Musik ist mal traurig, dann lustig, grotesk, witzig. Das Hörstudium seines Werkes hat mir deutlich gezeigt, dass seine Musik ein reichliches Spektrum von Emotionen ausdrückt. Einige Symphonien und andere Werke kannte ich ja schon, neu hinzugekommen ist besonders meine Aufmerksamkeit auf seine Streichquartette. Auch für Leser, die sich für ein Künstlerleben in der Sowjetunion interessieren, ist die Beschäftigung mit Schostakowitsch unerlässlich. Es ist natürlich verständlich, dass Meyer als Komponist insgesamt genauer über die Musik zu schreiben weiß als über Sowjethistorie. Als Ergänzung bieten sich Bücher des Historikers Kurt Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“) o.a. an. Wahrscheinlich ist es dem Autoren dieser Biografie nicht anzulasten, dass wir in dieser umfangreichen Biografie verhältnismäßig wenig persönliches über den Autor erfahren. Schostakowitsch war etwas schüchtern, hatte nur sehr wenig intimere Freundschaften, und zeigte sich in manchen Situationen doch etwas merkwürdig, was nicht unbedingt jeder außenstehende verstand. In dieser Hinsicht wissen wir sicher viel mehr über Beethoven, als über Schostakowitsch.
„Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.“
Der Anhang ist vorbildhaft. Neben Werkverzeichnis und anderen Selbstverständlichkeiten finden wir auch Inhaltsangaben der Opern „ Die Nase“ und „Lady Macbeth von Mzensk“.
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Fritz Zorn: Mars
21.9.2011 von mArtinus.
Fritz Zorn ist das Pseudonym eines Züricher Millionärssohnes und Gymnasiallehrers, der in einer konservativ geprägten bürgerlichen Familie aufwächst, an Depressionen erkrankt und mit 32 Jahren an Krebs stirbt. Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Zorn von der gekünstelten Harmonie in seiner Kindheit. Vermeidung von Streitgeprächen, die Familie ist immer einer Meinung, d.h. es wird ausnahmslos der Meinung des Vaters gefolgt. Von einem Schulkamerad wird Zorn gefragt, ob er Autos mag. Zorn denkt, er mag Autos und sagt “Ja”. Es stellt sich aber heraus, der Kamerad mag keine Autos. Zorn auch nicht, aber er hatte gelogen. Auf diese Weise die gekünstelte Harmonie der Einigkeit in praktischer Weise ins Absurdum geführt wird, aber Fritz Zorn aus dem Korsett der großbürgerlichen Starrheit nicht mehr herauskommt. Die Themen Religion und Sexualität waren tabu. Die Mentalität von Zorns Eltern kann man nur verlogen und unehrlich bezeichnen, belügen sie Sie sich doch selbst, wenn sie die Kirche für respektabel halten, von Gott aber nichts wissen wollen. Wahrscheinlich liegt dem ein Gesellschaftszwang zugrunde. Andere gehen in die Kirche, also wir dann auch.
„Mein Unglück besteht daraus, daß ich nicht das sein kann, was ich will“ , sagt Zorn.
Zorn weiß wie wichtig Liebe und Sexualität ist und erkennt, dass dies sein größtes Defizit ist. Seine Neurose, die als Depression, und wie er sagt, als „emotionaler Idiotie“ ausbricht, manifestiert sich später in den Krebs. Mich nervt aber dieser pseudomedizinische Esoterikkram Zorns über den seelischen körperlichen Krebs, demnach man Krebs bekomme, wenn man sein Leid in sich hineinfrisst und, weil die Seele schon so sehr Krank ist, könne sie nicht mehr zum Widerstand gegen den Krebs behilflich sein. Diese Wüsteneien spitzen sich dahin zu, dass seine Eltern am Dilemma seines Lebens schuld sind. Seine Jugend im Eimer, weil er nie eine Freundin hatte, sein Erwachsenenalter ebenso geschlechtstrocken. Unfähig für zwischenmenschliche Beziehungen, Depression und Krebs. Die Schuldigen sind die Eltern:
Zitat von Zorn
Jeder neue Tumor, der sich als geballte Ausbuchtung aus meinem glatten Körper hervordrängt, scheint mir aus der Tiefe seines psychosomatischen Ursprungs heraus die ins Teuflische verzerrte Fratze meiner dämonischen „Eltern“ darzustellen,…
Natürlich weiß ich, er sucht Orientierung und Sinn in seinem ganzen Leid, trotzdem, diese Abstrusitäten immer wieder vorgekaut zu bekommen, ist anstrengend. Fantastereien eines Todkranken, verzweifelt einen Halt suchend.
Vermurkst ist sein Exkurs über Liebe, Sex und Freud als Einheitsmixtur und findet auch noch eine Verbindung zum Christentum, dort aber nicht Sex sondern Agapé gemeint ist, außerdem Freud in späteren Schriften eine viel erweiterte Auffassung vom Eros vertrat als Sex, Zorn dies aber nicht wusste, stattdessen er aber weiterhin dauernd sein Minderwertigkeitsgefühl beklagt, welches sich aus seiner Sexlosigkeit ergibt.
Das Buch ist keineswegs aufbauend. Diese scharfe Kritik an seine Eltern, einerseits verständlich, dass seine in gedämpften Niederungen schwelende Emotionen jetzt endlich mal aufbrechen, allerdings letzten Endes doch eine unreife Verarbeitung seines Hasses ist, alles auf seine krebsüblen Eltern zu beziehen. Allerdings ist Zorn durch seinen frühen Tod die Chance verwehrt worden, sein Schicksal sinnvoll verarbeiten zu können. Da er mit seinem Hass natürlich nicht weiterkommt, dreht er sich im Kreise herum, wurstelt in seinen Problemen herum, findet in dem gewurstele keinen Ausgang mehr. Auch wenn ich noch zwanzig Seiten zu lesen habe, kann ich schon jetzt dieses Buch niemanden weiterempfehlen, weil zumindest ich keinen Sinn daraus ziehen kann, einen Menschen zu belesen, der ständig nur im Irrgang seines Hasses verweilt. Natürlich blinkt Mitgefühl, schließlich möchte man so einem Menschen helfen, aber durch seine Imkreisedreherei treibt er mich als Leser nur in Abgründe der Hilfslosigkeit mit dem Wissen, das Leid war irgendwann doch mal vorbei. Am 2. November 1976. †
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Peter Noll: Diktate über Sterben & Tod
21.9.2011 von mArtinus.
Dem Schweizer Juristen Peter Noll, Freund von Dürrenmatt und Frisch, wird Blasenkrebs diagnostiziert. In einem Tagebuch vom 28. Dezember 1981 - 30. September 1982 lesen wir seine „Diktate über Sterben & Tod“, doch sie enthalten viel mehr, politische Ansichten, philosophische und religiöse Überlegungen, wir erfahren, dass Trotzki die Atomenergie vorausgesagt hat und Johann Peter Hebel ein Gedicht über die Vergänglichkeit geschrieben hat, darin wir lesen können, wie Basel nach einem Atomkrieg aussieht. Goethe habe im Zauberlehrling die Unbeherrschbarkeit der Technologie vorausgesehen. Es wandelt sich die Aussagekraft von Gedichten im Wandel der Zeiten. Jedes Jahrhundert hat seinen eigenen Blick.
Wie sieht es nun mit dem Blick auf den Tod aus? Weiterleben um jeden Preis? Peter Noll steht die Menschenwürde an erster Stelle.
Zitat von Peter Noll
Ich will nicht in die chirurgisch-urologisch-radiologische Maschine hineinkommen, weil ich dann Stück um Stück meiner Freiheit verliere.
Also keine Operation. Sein Tod solle zelebriert werden, die Gemeinde solle sich mit dem Tod auseinandersetzen. „Nichts soll vertuscht, nichts verharmlost werden, auch den Ausweg der Verdrängung möchte ich versperren.“ Peter Noll legt den Finger in die Wunde christlicher Gläubigkeit, die meist zu verhöhnender Gelegenheitsgläubigkeit verschrumpft ist.. „Wir alle kommen ja nur noch zu Beerdigungen in einer Kirche“, ( man könne hier ergänzen, evtl. noch zu Trauungen), so wird Christentum nicht gelebt, sondern nur gestorben, im letzten Atemzug noch überlegt, vielleicht gibt es doch ein ewiges Leben oder die schwierigste Christenfrage „Was ist Auferstehung?“ - Jesus ist physisch auferstanden, es gebe doch Zeitzeugen, trotzdem, ich weiß, mein Körper verwest doch – hier könnt ich endlos weiterspinnen, aber genau das meint doch Peter Noll. Wir gehen in die Kirche, hören eine Predigt, die schön ist, und am Montag wird wieder gesündigt. Die Praxis des Christentums ist unausgegoren.
Zitat von Peter Noll
Die Exaktheit der Diagnose hat, verglichen mit der Ungewissheit des therapeutischen Erfolges, etwas Absurdes….Der Tumor hat die Blasenwand völlig durchwachsen, und so wie man Tumore eben kennt, will er weiterwachsen.
Noll liest „Mars“ von Fritz Zorn, über einen jungen Mann, der über seine Krebserkrankung schreibt, mit 32 Jahren stirbt. Das Buch ist genau das Gegenteil von dem uns vorliegenden Tagebuch. Zorn, hier passt der Name, schreibt voll Hass und Zorn, offenbar auch über seine bisherige Vergangenheit völlig verbittert. Dieses Buch zu lesen, wäre für mich wahrscheinlich schrecklich. Es ist erstaunlich, wie es Peter Noll gelingt, ein erbauliches Tagebuch zu Papier bringen. Er hat sehr viel zu erzählen, und wenn er über Schmerzen schreibt, dann labt er sich nicht darin, wie entsetzlich das ist, im Gegenteil, er schreibt ziemlich nüchtern:
Zitat von Peter Noll
Meine Schmerzen sind jetzt da, stumpf und schwer, aber ich kann nichts über sie aussagen, weil ich mich auf keine fremde gleichartige Erfahrung berufen kann.
Im Gegensatz zum Tier kann unser Gehirn an den „Tod“ und an „Gott“ denken. Trotz dieser Besonderheit werden diese Gedanken heutzutage gerne verdrängt. Wir sind den Schimpansen ähnlich, lesen wir, schauen uns den toten Verwandten kurz an , befühlen ihn und wenden uns ab. Für Freunde wäre es einfacher, ein Krebspatient liege im Krankenhaus, schon abgeschoben, vielleicht verabschiede man sich noch, das war’s. So beobachtete Peter Noll einen Schwund an Freundeskontakten. Ich denke mir, für einen Kranken ist es doch immer schön, wenn er Kontakte pflegen kann, Freunde unbeschwert auf ihn zu kommen können. Aber es liegt eben in der Luft, Menschen meiden die Berührung mit dem Tod. Ein Krebskranker steht schon mit einem Bein außerhalb unseres Daseins, wohin niemand möchte. „Noch totaler verdrängt ist die Gottesvorstellung“, sagt Noll, auch in meiner Umgebung, so habe ich den Eindruck, laufen mehr Agnostiker und Atheisten herum, obwohl bei religiös-fundamentalistischen o.ä. Richtungen heute eher ein Zulauf zu beklagen ist (Nolls Tagebuch erschien posthum 1984). Noll hat die Begabung sehr feine kompakte Zitate an den Mann zubringen, die sich für mehr noch als nur für Kalenderblätter eignen. Drei Beispiele:
Zitat von Peter Noll
Das Gehirn denkt Gott. Das heisst nicht, dass es ihn geben muss, das heisst aber zwingend, dass die Frage nach ihm unabweislich und dass der empirische Positivismus eine lahme Ente ist.
Zitat von Peter Noll
Die Bedürfnislosigkeit macht freier als die Erfüllung aller Bedürfnisse.
Zitat von Peter Noll
Der Todkranke, der sich der medizinischen Apparatur übergeben hat, ist wirklich hilflos, weil die Hilfe, die er bekommt, kalt ist.
Überrascht war ich, als Peter Noll über Hoimar von Ditfurth’s Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ erzählt. Das Buch vermittelt „die Idee,“ so Noll, „die Evolution der Welt sei die noch im Gange befindliche Schöpfung und ihr Ende münde ins Jenseits, wo der Geist herrsche, ist imposant und plausibel.” Das ist famos und erinnert mich an Ken Wilber „Halbzeit der Evolution“. Von Hoimar von Ditfuth habe ich „Am Anfang war der Wasserstoff“ gelesen und wusste gar nicht, dass der Autor spirituell veranlagt ist. Das Buch strahlt von Optimismus, Peter Noll gibt hier einen leichten Dämpfer, denn er weist darauf hin, der Autor verschweige schamhaft, „dass das Gesetz der Evolution, jedenfalls auf dieser Erde zur Vernichtung führen wird.“ Ich denke, Noll hat das Wettrüsten der Atommächte im Hinterkopf. Nun, unseren blauen Planeten gibt es heute noch.
Epilog
Was bringt es, sich zu verewigen, sei es in Weltliteratur, Musikgeschichte oder Kunstgeschichte. Falls man „nach dem Tode in irgendeiner Form als dieselbe Persönlichkeit weiterlebt“, kann dieses doch egal sein. Der Drang nach Verewigung, so Noll, setze voraus, dass man an eine Existenz nach dem Tode nicht glaube. Der Autor schließt in dieser Hinsicht allerdings die magischen Vorstellungen der Alten Ägypter aus, für die das Jenseits nur ein verlängerter Arm des Diesseits gewesen war. Die „Diktate über Sterben & Tod“ sollen nicht von Ewigkeitsvorstellungen geleitet sein, nur davon, der Leser möge „sich mit Sterben, Tod und Jenseitsvorstellungen schon im Leben auseinandersetzen“. Die Bewusstheit, das Leben ist begrenzt, hat für den Autoren dieser Diktate einige Vorteile verschafft. Die Sinnoasen suche er sorgfältiger aus, manches werde zur Sinnoase, wofür er früher achtlos vorbeigegangen sei. Unwichtiges wird beiseite gelassen, er konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das, was wirklich noch wichtig ist. Ich denke, Menschen, die sich in ähnlicher Situation befinden, geht es ähnlich wie Herrn Noll. Unser aller Leben ist begrenzt. Wenn wir das Bewusstsein haben, der nächste Atemzug könne unser letzter sein, dann wären wir Menschen wirklich in der Gegenwart angekommen und würden uns keine Gedanken oder Sorgen um den nächsten Tag machen. Vor der Lektüre habe ich nicht wissen können, welche Freude mir dieses Buch schenken würde.
PS: Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch - hierin schreibt er über den Tod seines Freundes.
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Claudio Magris: Donau
17.9.2011 von mArtinus.
Im Jahre 2009 erhielt Claudio Magris den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. An dieser Stelle möchte ich sein kulturhistorisches Werk “Donau” in Auswahl vorstellen, d.h. ich wähle nach eigenem Belieben Kapitel und Teile aus, die ich besprechen will, da eine vollständige Besprechung den Rahmen dieses Blogs sprengen würde. Wenn ich einen Eindruck des Buches vermitteln kann, bin ich schon glücklich.
Die Aufteilung in drei Teilen stammt von mir:
I Deutschland
II Österreich/Slowakei/Ungarn
III Balkan
I Deutschland
Es ist selbstverständlich, daß ein Buch über die Donau an der Donauquelle beginnt. Doch, wo ist die Quelle? Die Quelle der Donau entspringt bei Donaueschingen. „Seit der Zeit des Kaisers Tiberius wird jenes Rinnsal, das aus einem Hügel hervorquillt, als die Donau gefeiert; und darüber hinaus vereinigen sich in Donaueschingen zwei kleine Flüsse, die Breg und die Brigach, die…dort, wo sie zusammenfließen, den Beginn der Donau bilden.“ Doch es gibt auch eine andere Theorie, die des Herrn Doktor Ludwig Öhrlein, der an der Quelle der Breg bei Furtwangen ein Schild aufstellen ließ, diesen Ort als die Quelle der Donau bezeichnet, „und hier wird präzisiert, daß die letztere von allen übrigen Zuflüssern die am weitesten vom Schwarzen Meer entfernte sei,…” Doch damit nicht genug. Doch damit nicht genug, schon in der Antike schwirrten Vermutungen und Untersuchungen, wo denn die Quelle sei, darüber schrieben auch berühmte Autoren wie Herodot, Strabon, Cäsar, Plinius, Ptolemäus, Erasthostenes. Der eine schrieb, die Quellen der Donau entspringen aus dem Harz, ein anderer meinte, bei den Hyperboreern, oder auch in den Pyrenäen usw. Der Fantasie wurden keine Grenzen gesetzt. In Immedingen verschwindet die Donau in Felsspalten und tritt vierzig Kilometer als die Ach wieder zum Vorschein, fließt in den Bodensee, dann in den Rhein. Magris schlussfolgert, die Donau sei zum Teil ein Nebenfluss des Rheins und münde eher in die Nordsee als ins Schwarze Meer. Wo denn die Donau nun herkommt gipfelt in der außerordentlichen Kuriosität eines gewissen Amedeo, „renomierter Sedimentologe und geheimer Historiograph von Mißverständnissen“, über den wir leider sonst nichts erfahren, die Donau komme aus einem Wasserhahn. Magris hat den Wasserhahn nicht gefunden. Die Donauquellen, so rätselhaft wie die des Nils.
Die Kapitel über Martin Heidegger („Die Mesner von Meßkirch“) und Louis Ferdinand Céline ( „Die Führerin von Sigmaringen“) sind für mich sehr schwierig gewesen, weil ich um ihre Lebensbiographien nichts weiß. Hier ist man wirklich auf Sekundärliteratur angewiesen.
„Das faschistische Mißgeschick Heideggers ist kein zufälliger Unglücksfall gelesen“ schreibt Magris, warum, dass wurde für mich in dem zusammengerafften Kapitel nicht ersichtlich. Im Kapitel darauf schreibt Magris über Célines Flucht auf das Schloss Sigmaringen, dass Schloss der Hohenzollern, auf das die Mitglieder der Vichy-Regierung geflüchtet sind, geflüchtet vor den Alliierten. Céline schreibt darüber in seinem Buch „Von einem Schloß zum anderen“.
Über Célines (restlos vergriffenes) Buch „Die Judenverfolgung in Frankreich“ schreibt Magris, es sei das erschreckendste seiner Bücher.
Zitat von Claudio Magris
Es ist der langatmige und langweiligste Gefühlsausbruch eines Kleinbürgers und Ladenbesitzers, der sämtlichen Vorurteilen seiner verarmten und desorientierten Schicht anhängt, doch ist es zugleich eine geniale, verzerrte Momentaufnahme des 20. Jahrhunderts, an der man nicht vorbeikommen wird. Der vom Haß getrübte, bisweilen aber auch geschärfte Blick Célines entlarvt die frenetische Betriebsamkeit der Kulturindustrie und erkennt in ihrer sterilen, kalten Aufregung, in ihrer fortwährenden, hektischen vorzeitigen Ejakulation, ein Potential dumpfer Gewalttätigkeit. Diese fieberhafte Mobilisierung, die gebieterisch das Individuum zu den Symposien, Debatten und Interviews abkommandiert, ist die Hysterie eines überfüllten Zimmers, einer Welt, an der an allen Türen dass Schild hängt. „Alles belegt.
Dieses Zitat soll als Beispiel stehen, für Magris’ teilweise hochintellektuellen überbordeten Stils, betont auf teilweise, denn es gibt genügend weitaus leichtverdaulichere Stellen im Donaubuch. Dieses Zitat sollte nicht abschreckend wirkend.
Schließlich noch, Louis Ferdinand Célines Meisterwerk „Reise ans Ende der Nacht“ sollte unbedingt gelesen werden. Alles andere, über seinen Antisemitismus usw., ist sicher nur etwas für speziell Interessierte.
Man merkt dem Text oftgenug eine Bildungslastigkeit an. So manche Inhalte hätten auch lesbarer gestaltet werden können. Das Kapitel über „Grillparzer und Napoleon“ musste ich mehrmals lesen, um ungefähr zu ahnen, was Magris meint. Jedenfalls habe ich über Grillparzers Drama „König Ottokars Glück und Ende“ in Wilperts Lexikon für Weltliteratur“ nachschlagen müssen und bin dort klüger geworden. In diesem Drama wollte Grillparzer in dem böhmischen König Ottokar II. eine Analogie zu Napoleon sehen, der als tatkräftiger Eroberer in die Tyrannei getrieben wurde. Bei Grillparzer wird er zum maßlosen Machtmenschen. Das Kapitel ist mir vielleicht auch schwer gefallen, weil ich von großer Politik nichts verstehe und mich höchstens für die psychologischen Hintergründe von Machtgier interessiere. Wie nun Magris auf Grillparzer und Napoleon kommt, begründet die Abtei von Elchingen nahe Ulm, in deren Nähe am 19. Oktober 1805 die „Kapitulation von Ulm“ stattfand, „die Übergabe des österreichischen Generals Mack – des >>unglücklichen Mack<<, wie ihn Tolstoi in Krieg und Frieden nennt – an Napoleon.”
Um Macht geht es auch in dem Kapitel über den KZ-Arzt und Menschenfolterer Josef Mengele („Der Kitsch des Bösen“), der in Günzburg geboren ward.Übrigens ein brillianter Aufsatz, in dem Magris klarstellt, dass der Nazismus „ein Höhepunkt, ein unübertroffener Gipfel der Infamie gewesen (ist), die engste Verknüpfung von gesellschaftlicher Ordnung und menschlicher Roheit. Es wäre völlig abwegig“, meint Magris, „hinsichtlich des ständig lächelnden sadistischen Arztes auf pathologische Erklärungen zurückzugreifen, so als wäre er ein Kranker, den ein unbezwinglicher Ruptus hinriß.“ Als er sich bis 1949 in der Nähe von Günzburg in einem Kloster versteckt hielt, hat er niemanden seine Augen ausgerissen und keine Leiber zerfetzt. Magris schreibt von der Banalität des Bösen:
Zitat von Claudio Magris
Mengeles Lust zu quälen, sein stupides Lächeln bei der Ausführung seiner Mordtaten..es ist die mechanische, faszinierte Wiederholung einer Art rituellen Formel zwischen dem Refrain eines psychedelischen Lieds und einer religiösen Litanei, das Stammeln eines von Grausamkeit berauschten armseligen Geistes.
Erschreckend ist, dass Verbrecher wie Mengele so grausam gehandelt haben, weil es ihre Umgebung zugelassen hat, weil es quasi erwartet wurde. Keine Krankheit? Zumindest ist doch dieser extrem ausgeartete Sadismus genau das, was wir für das Böse halten. Wenn es im Menschen das Gute und das Böse gibt, möge das Böse lieber übergibst werden, sodass es im Untergrund des Unbewussten erstarrt und sich nicht entfesseln kann.
Claudio Magris war in Regensburg, vor meiner Zeit…Sehr schön hat Magris die nostalgische Seite der Stadt eingefangen. Schon Maximilian I. von Habsburg (1459-1519) sprach von einer Vergangenheit, als er vom Reichtum der berühmten und blühenden Stadt sprach. Heute kommen Touristen nach Regensburg, um sich das alte Gemäuer der Stadt aus der Blütezeit anzusehen. Seit 1663 Sitz des immerwährende Reichstages der Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, darauf die Stadt heute noch Stolz ist. Es hört sich schon tragischkomisch an, wenn wir bei Magris lesen, dass diese Institution damals schon „längst erstarrt und entleert“ gewesen sei. Die Welt über die regiert werden sollte, befand sich längst im Abschwung. Inzwischen hat Regensburg allerdings durch seine Universität den Faden zur Gegenwart gefunden, infolgedessen wir in dieser schönen einst blühenden Mittelalterstadt die größte Kneipendichte Bayerns haben. Das konnte Claudio Magris, als der das Buch schrieb, nicht wissen. In dieser Universtät wird u.v. a. natürlich auch das Mittelalter erforscht. Der Historiker Horst Fuhrmann war von 1971 bis 1994 Präsident der Monumenta Germaniae Historica und Ordinarius für Geschichte an der Universität Regensburg. Im Jahre 2000 veröffentliche er das Buch „Einladung ins Mittelalter“.
Nun sind wir in Passau, am deutschen Ostzipfel der Donau, angekommen, dort, wo die Ilz und der Inn in die Donau fließen. Magris fragt sich dort, ob es wirklich die Donau ist, und nicht der Inn, der dann weiterfließt bis ins Schwarze Meer.
II Österreich/Slowakei/Ungarn
Magris macht uns darauf aufmerksam, dass einige Gedichte aus dem Westöstlichen Diwan von Marianne Willemer stammen, die Goethe in seinem Werk als Suleika besingt. Marianne habe einige Gedichte geschrieben, die zu den besten des Diwan zählen. In der kommentierten Ausgabe von Erich Trunz, kann man nachlesen welche das sind. Geboren ist Marianne Willemer in Linz, dort wo jetzt die Pfarrei von Linz beherbergt ist. Wenn wir die Donau weiter herauffahren, sind wir in Sankt Florian - in der Stiftskirche war Anton Bruckner Stiftsorganist, bevor er 1855 nach Linz kam. In der Zeit in Sankt Florian (1845-1855) komponierte Bruckner ein Requiem, eine Missa Solemnis, Motetten und andere Kirchenmusik. Die Sinfonie, die er „dem lieben Gott“ gewidmet hat, Magris erwähnt sie unter dem Prunk großer oberöstereichischer Klöster, hat Bruckner allerdings nicht in Sankt Florian komponiert, aber weil seine Symphonien z. T. theologisch gedeutet werden, passt diese Musik natürlich hervorragend in diese Welt kirchlicher Frömmigkeit. Mit der „dem lieben Gott“ geweihten neunten Symphonie hat sich Bruckner würdevoll von unserer Welt verabschiedet. Seine Musik kann uns zu tieferen Dimensionen des Hörens führen. Das ist sehr subjektiv, ich weiß…man höre und lausche.
Bruckners und Adalbert Stifters Kunst entstehe aus der Ehrfurcht vor der sanften und idyllischen österreichisch-böhmischen Landschaft, sagt Magris. „Das Leben in den Wäldern entsteht und verändert sich zwar, doch in so langsamen Rhythmen, das es den einzelnen Individuum völlig unbeweglich erscheint…“ Adalbert Stifter werden die langsamen Rhythmen aufgefallen sein. In seinem Nachsommer erreicht er fast einen Stillstand der Handlung. Magris erwähnt Stifters Erzählungen Abdias und Turmalin (enthalten in „Bunte Steine“),um aufzuzeigen, dass hinter der Harmonie der Natur auch das Zerstörerische lauert, die „Grausamkeit des Schicksals“ und der „Verfall der Dinge“. Magris mag diese Erzählungen, weil sie „ohne moralische Predigten und ideologischen Protest“ daherkommen, nur ein stumpes Verwundern hinterlassen. Trotzdem hat mir „Turmalin“ von der Struktur nicht gefallen. Es gibt darin nämlich einen Bruch, einen Wechsel der Erzählperspektive. Die Tragödie finde ich außerdem überzogen. Alles nur weil der Rentherr mal von seiner Frau betrogen worden ist.
Endlich erwähnt Magris mal Kunstmaler. Albrecht Altdorfer (um 1480-1538) hat auf dem Sebastiansaltar von Sankt Florian erschütternde Bilder von der Passion und des Martyrium des Heiligen hinterlassen. In diesen Bildern entflammt der Himmel, „wird eine bestialische, dumpfe Gewalttätigkeit“ gegen die Verurteilten entfesselt. Magris erwähnt das unweit vom Sebastianaltar zu sehende Gemälde von Wolf Huber (1485-1553) zu sehen wie auf Sebastian brutal eingeschlagen wird. Es ist ja bekannt, was für fratzenhafte höllische Gestalten auf christlichen Bilderwerken erscheinen, so bei Huber „ein verblödetes perverses Kind“, welches auf den Märtyrer einschlägt. Gerne würde ich jetzt sehen, ob der Blick des Heiligen noch sanftmütig bleibt. Magris meint, hier schreie dem Beschauer in wilden Farben auch der Wahnsinn der Konzentrationslager (Mauthausen) entgegen. Himmel und Hölle im ehrwürdigen Sankt Florian.
Das Kapitel „Die Türken vor Wien“ widmet sich u.a. einem gegenwärtig sozialem Thema. Wurden die Türken 1683 vertrieben, kommen sie als Gastarbeiter wieder. Magris warnt vor einem „gesellschaftlichen Mechanismus“, dass wegen kultureller Unterschiede und wegen Schwierigkeiten des Zusammenlebens Gewalt hervorgekehrt wird. Man kann Gott sei Dank sagen, dass es dazu nicht gekommen ist. Integration ist aber heute noch ein großes Problem.
Ein ernstes tiefgründiges Kapitel über Kaiserin Elisabeth erwartet uns, jenseits der anmutigen Sissi-Figur, die Romy Schneider verkörperte. Ich kann mich nicht mehr erinnern, ob Romy Schneider im Film Gedichte schrieb. Kaiserin Elisabeth schrieb Gedichte um „ihre Unbefriedigtheit in Poesie umzugestalten“. Elisabeth, eine tragische Gestalt, die Sexualität verabscheut „und nur in Sublimierung und in der Abwesentheit lieben kann.“ Wenn man diese Tragik in den Sissi-Filmen berücksichtigt hätte, wäre weniger Kitsch daraus geworden. Vielleicht ziehlte man nur auf Publikumswirksamkeit ab. Regisseur Ernst Marischka war halt meist leichte Muse. Der Kaiserin Gedichte sind Gedichte „der Sehnsucht nach dem, was das Leben nicht ist, aber sein sollte….“ Ihr widerstrebte das Leben als Kaiserin. Sie lebte ein Leben, was gegen ihre eigenen Lebensvorstellungen gerichtet war, darum war sie unglücklich, entfremdete sich von allem und von sich selbst. Wen es interessiert: Brigitte Hamann, die auch eine Biographie über die Kaiserin schrieb, gab ihre Gedichte unter dem Titel „Kaiserin Elisabeth. Das poetische Tagebuch“ heraus. Neugierig gemacht?
Der Philosoph auf den Cäsarenthron – Marc Aurel. Für den ersten Mann im Staate ist Rom die Vaterstadt, für den Menschen Marc Aurel ist es aber das All. Was für eine Demut jenseits des politischen Machtwahnsinns, er, der Imperator, indem er sich dem All unterstellt, fühlt keinen Unterschied zu den anderen Menschen. Seine „Selbstbetrachtungen“ gehören zur großen Weisheitsliteratur der Menschheit. Kurioserweise, oder ist es Ausdruck seiner Demut, hielt er sich nicht für einen großen Schriftsteller, denn, so sagt uns Magris, er habe sich bei den Göttern bedankt, daß er sich nicht zu den Schriftstellern verirrte.
Eine Burg nach dem anderen auf Hügeln und Bergeshöhen in der Slowakei – sie gehören meist nicht zur slowakischen Geschichte, meist herrschten von den Hügeln herab die Ungarn. Die slowakischen Bauern unterhalb der Hügel lebten in bescheidenen Hütten oder in kleinen Häusern aus Brettern, „die mit Stroh und getrocknetem Mist verputzt wurden”. Diese Wohneinrichtungen werden drevenice genannt. Sándor Petöfi (1823-1849), ungarische Nationaldichter, umschreibt den Slowaken in einem Gedicht „als ein Kesselflicker mit roter Nase und verschlissenem Mund.“ Die Slowaken haben eine bedrückende Geschichte, sie waren Verlierer, durch militärische oder politischen Niederlagen ihrer Herrschaftsklasse beraubt. Dass sie Verlierer waren, zeigen auch die Umstände um die 1848er Revolution in Europa. Die Slowaken erbaten bei den herrschenden Ungarn nach mehr grundlegenden Rechten, ungarische Behörden reagierten aber „mit Verhaftungen und harten Repressionsmaßnahmen.“ Mit Gründung der Doppelmonarchie im Jahre 1867 wurden die Slowaken noch mehr unterdrückt, da sie nur „als eine folkloristische Gruppierung innerhalb des ungarischen Volkes“ angesehen wurden. Was für eine Farce. Die Ungarn, die selbst von Fremdherrschaften unterdrückt wurden, hatten die Slowaken unter ihren Fittichen. Man muss Magris dankbar sein, dass er den Lesern der „Donau“ auf diese politischen Verhältnisse bewusst gemacht hat. Welcher durchschnittliche Mitteleuropäer wie ich, kennt schon die Geschichte der Slowakei. Ein vergessenes Land?
Der große ungarische Romancier Mór Jókai (1825-1904) ist geographisch in der heutigen Slowakei geboren. Sein Geburtsort Komárom wird von der Donau geteilt. Der nördliche größere Teil des Ortes liegt in der heutigen Slowakei. Sein Roman – und erzählerisches Werk, dass möchte ich ergänzend erwähnen, umfasste in einer Ausgabe um 1900 120 Bände, Sándor Márai hat eine solche Ausgabe besessen. Als sein Haus 1944 durch den Einmarsch der Nazis in Budapest zerstört wurde, ging auch seine Bibliothek zugrunde. Claudio Magris hat seinen populären Roman „Der Goldmensch“ gelesen. Viele Werke des Autors sind in deutscher Sprache noch antiquarisch zu bekommen. In „Der Goldmensch“ erzählt Mór Jókai eine Donau-Robinsonade, Mihály Timár, reichgeworden und „enttäuscht über seinen zweifelhaften gesellschaftlichen Aufstieg“ findet auf einer unbekannten Donauinsel sein Glück.
In der ungarischen Dichtung wird nicht der „Glanz eines heroischen Ungarn“ gefeiert, sondern sie „denunziert das Elend und das Dunkel des magyarischen Schicksals.“ Petöfi erhebt sich schreibend gegen den Egoismus der Adligen, Endre Ady (1877-1919) schreibt Verse über die „düstere magyarische Erde“. In seinem Gedicht „Die ungarischen Erlöser“, welches Magris auch gelesen hat, spricht er von Tränen, die hier (in Ungarn) salziger sind und die Schmerzen größer als woanders, „da sie sterben würden, ohne jemanden erlöst zu haben“(eine Auswahl Adys Gedichte findet der Interessierte in Endre Ady: Gedichte, Ausgewählt und eingeleitet von László Bóka, Verlag Volk und Welt, Berlin 1965). Der Lyriker Attila Jószef fühlt sich „an den Rand des Universums“ versetzt. Die Dichtung spricht vom Leid des Volkes, von der Schlacht bei Mohacs (1526) bis hin zur Revolution 1956. Die Ungarn fühlen sich als Verlierer, in der Geschichte wurden sie geschlagen, mussten Fremdherrschaften überstehen (Osmanen, Habsburger Monarchie, Verlust von zwei Drittel ihres Staatsgebietes durch den „Friedensvertrag von Trianon“, 1920 u.a.). Trotz der historischen Tragödien sieht Magris in Ungarn nicht eine vergessene Provinz. Die Ungarn haben, wie wir gesehen haben, die Slawen unterworfen, auch die Rumänen. Sie traten also durchaus auch beherrschend auf.
Wer wirklich einen Einblick in die Historie Ungarns gewinnen will, dem empfehle ich das gut lesbare Standardwerk von Paul Lendvai: Die Ungarn, eine tausendjährige Geschichte, Goldmann-Taschenbuch. Ich habe mich in Magris’Ungarnkapiteln oftgenug geärgert über schwerlastende Ausdrucksweise des Literaturwissenschaftlers, ohne gewisse Vorkenntnisse wird vieles schwer fassbar. Darum meine Empfehlung der Lektüre von Paul Lendvai.
Doch, doch, einige Kapitel im Donaubuch glänzen, so auch das über kroatischen Schriftsteller Miroslav Krleža (1893-1981). Krleža schildert in seinen Werken die pannonische Welt, über die Volker und Kulturen zwischen Budapest und Zagreb. Das Zentrum seines umpfangreichen Werkes beschäftigt sich mit dem Verfall der Welt des 19. Jahrhunderts. Dieses Kapitel hat mich sehr neugierig auf den Autoren gemacht. Einige Werke sind ja in deutscher Sprache erhältlich. Sein Drama „Die Glembays“ erzählt vom versinken des österreichisch-ungarischen Adels im pannonischen Schlamm. Der Roman „Die Rückkehr des Filip Latinovicz“ wurde von Sartre geschätzt, „der darin eine Parabel auf die Krise der individuellen Identität erkannte…“
“Eine Violine in Mohács”, hier spielt sie nicht lustige Zigeunerweisen, sondern melancholiert über das Trauma Ungarns, über die verlorene Schlacht gegen die Türken (1526). Für 400 Jahre ging der souveräne ungarische Staat zugrunde, er wurde ein Spielball zwischen Türken und Habsburgen, Ungarn ein Tummelplatz für Kriegsschlachten. Das nur als kleine Vorstellung, warum Magris hier zu melancholischen Tiefen gereift. Doch noch ein würdiger Abschluss des Ungarnteils. Hier ist Magris den Ungarn quasi zu Leibe gerückt.
III Balkan
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts retuschierte man auf Bulgariens Karten weiße Flecken. Als der Forschungsreisende Guillaume Lejean, der auch den Blauen und Weißen Nil befuhr, im Jahre 1875 Bulgarien bereiste, waren auf seinem Kartenmaterial „in den Gebieten an der Donau imaginäre Orte“ verzeichnet. Die Orte, die wirklich existierten, wurden weggelassen. Es gab auch Kartographen, die Städte an andere Standorte versetzten, und den Verlauf von Flüssen willkürlich änderten.
Im Kapitel „Unter Lenaus Büste“ schafft es Magris, diverse Autoren sehr liebevoll unter einen Hut zu bringen. In Vršac, z.Zt. als Magris dieses Buch geschrieben hat, war dieser der bedeutendste Ort im jugoslawischen Banat. Heute ist es Serbien. Heute kann man sich nicht mehr im Stadtpark von Vršac auf einer Bank unter Nikolaus Lenaus Büste küssen, wie es in einem Gedicht von Vasko Popa heißt, denn diese Büste befindet sich heute im dortigen Museum. In Vršac ist der ungarische Schriftsteller Ferenc Herczeg geboren, den Magris „ebenso brilliant wie oberflächlich” bezeichnet. Brilliant war er vielleicht, weil z.B in seinem Roman „Die Heiden“ den Kampf verschiedener Völker und Religionen in dieser Gegend aufzeigt, und damit zukunftsweisensend das Problem auch des heutigen Balkan benennt, das Zusammenleben verschiedenster Völkergruppen in einem Land und ihr Bestreben und Mühen, wie man unter solchen Umständen friedlich zusammenleben kann, und wir erinnern uns aus jüngster Geschichte, wie dort das Blut geflossen ist. Schon immer ein explosiver Herd . Herczeg erzählt vom Kampf „zwischen Magyaren und Petschenegen, zwischen dem Kreuz und der heiligen Eiche der Awaren während der Morgendämmerung der ungarischen Geschichte.“ Vasko Popas schrieb zu anfangs auf rumänisch, dann auf serbokratisch.In der jugoslawischen Wojwodina (heute Nordserbien, vor 1920 noch zu Ungarn gehörig), so legte man, 1974 in der Verfassung fest, leben fünf große Völkergruppen zusammen: Serben, Ungarn, Slowaken, Rumänen und Ruthenen, doch, so ergänzt Magris, es gibt dort auch Deutsche, Bulgaren Zigeuner, Bunjewatzen und Schokatzen….und gerade hier zeigt sich, wie kompliziert die Geschichte des Balkans ist. Wo kommen die verschiedenen Völker her, wie und warum wurden Staatsgrenzen geändert? Diese Fragen kann uns nur eine Geschichte des Balkans beantworten. Doch kommen wir nun zu Lenau zurück, dem österreichischen Dichter, der im rumänischen Banat bei Timişoara geboren und „ungarische und slowakische Vorfahren besaß.“ Um ihn ein mikriger Kleinkrieg: Magris schreibt über Adam Müller-Guttenbrunn, dem Verfechter der deutschen Kultur im Banat, der sich im Jahre 1911 dagegen wehrte, als sich die Ungarn den Lenau vereinnamen wollten, ihn Miklós Lenau nennen wollten, einen ungarischen Dichter, der deutsch schreibt. Im Lenau Kapitel streifen wir auch Milo Dor, der in seinem Roman „Nichts als Erinnerung“ eine melancholische Trägheit beschreibt, die der Melancholie Lenaus sehr nahe kommt, dem Lyriker der Einsamkeit, des seelischen Leidens und des Weltschmerzes.
Dein gedenkend irr’ ich einsam
Diesen Strom entlang;
Könnten lauschen wir gemeinsam
Seinen Wellenklang!
(Nikolaus Lenau, aus „Das Mondlicht“ )
Auf den bulgarischen Erzähler Jordan Raditschkow wirft Claudio Magris einen so herzlichen Blick, dass ich mich schon umgeschaut habe, welche Werke es in deutscher Übersetzung gibt. Raditschkow, „der Sänger von Tscherkaski“, der die in Bulgarien aussterbende Dorfkultur in seinen Erzählungen erhalten hat. Auf den ersten Blick ist der Bulgare ein Pendant zum ungarischen Schriftsteller Zsigmond Móricz (1879-1942), der auf wirklichkeitsnahe Weise vom ungarischen Dorfleben erzählt (ein repräsentativer Erzählband ist „Die Engel von Kiserdö“, Aufbau-Verlag, 1971). Nach dem zu urteilen, was Magris schreibt, scheint Raditschkow aber kein Realist zu sein:
“Geschichten, die von Mund zu Mund gehen, die man erfindet, um sich weitschweifig über das Leben zu ergehen…Lügen, die jeder seinen Gevattern erzählt, bis er schließlich selbst Stein und Bein schwört, daß es die reine Wahrheit sei.”
In Ruse, was einmal Rutschuk hieß, ist Elias Canetti geboren, eine Stadt mit ockergelben Handelshäusern aus dem 19. Jahrhundert, herschaftlichen Parkanlagen und Häusern aus dem Fin de siècle. Zwischen den zwei Weltkriegen war Ruse die reichste Stadt Bulgariens. Claudio Magris führt uns in Canettis Geburthaus, Canetti „der mit unvergleichlicher Kraft den Wahnsinn unserer Epoche – der jeden Blick auf diese Welt trübt, blendet oder entstellt – erfassen und darstellen sollte.“
Im Kapitel „Auf dem Weg des Bösen“ versucht Magris sich der Mentalität und dem Ursprung der Rumänen zu nähern. Was den Ursprung der Rumänen betrifft, fällt ein weiser Entschluss, jede Genealogie ginge auf den Urknall zurück, und schon lösen sich ideologische Streitereien auf. Hinzugefügt sei, Ceauşescu erhob die Dako-romanische Kontinuitätstheorie, die besagt, das rumänische Volk und auch ihre Sprache entstamme aus dem Zusammenschluss der dakischen und romanischen Bevölkerung in der Provinz Dacia (das heutige Siebenbürgen und Banat), zum Dogma, mit dem Ziel, festzustellen, nur die Rumänen haben Anspruch auf dieses Land und die Rumänen waren eben vor den Ungarn dort. Kein Wunder, dass der Dikator Minderheiten schikaniert hat. Im Grunde genommen egal, ob diese oder die Migrationstheorie, nach der die Ungarn zuerst dort waren, stimmt. Egal, lieber gehen wir zum Urknall zurück und Magris weist auf Curtius, der gesagt hat: „Die Geschichte kennt keines Volkes Anfänge.“ Der rumänische Historiker Constantin C. Giurescu (mit Dinu C. Giurescu) schreibt in seiner „Geschichte der Rumänen“ von den Forschungen des Professors I. I. Russu aus Cluj, der in 160 rumänischen Wörtern einen geto-dakischen Ursprung entdeckt haben will. (Claudio Magris hat „Die illustrierte Geschichte des rumänischen Volkes“ von Dinu C.Giurescu gelesen).
Etwas verwirrend, obwohl es stimmen mag, sind Antonescus ( rum. Ministerpräsident, Diktator 1940-1944) Versuche, die Nazis zu überzeugen, „daß die Juden ohnehin im Land blieben, und nicht entweichen könnten, weshalb man auch das Ende des Krieges abwarten könne, um dann zu sehen, was mit ihnen geschehen solle.“ Die Wiesel-Kommission hat 2004 einen Bericht vorgelegt, in dem es heißt, es seien mehr als 300000 Juden ermordet worden und über 20 000 Roma (siehe Quelle wikipedia ).
Der Bărăgan ist eine Steppe im Südosten Rumäniens. Unter dem Regime Antonescus wurden dorthin Zigeuner deportiert. Zaharia Stancu (1902–1974) hat in einem Roman (“Solange das Feuer brennt“) „diesem Exodus …ein Denkmal gesetzt”. Bei dieser Gelegenheit erwähnt Magris u.a. auch Pannait Istrati ( 1884-1935) dessen Roman „Die Disteln des Bărăgan“ ich gelesen habe, darin sich Istrati an seine Heimat erinnert und seinen Roman den im Bauernaufstand von1907 getöteten Bauern gewidmet hat, ein Aufstand gegen die Bojaren (Großgrubndbesitzer), die die Bauern hungern ließen. Zaharia Stancu widmete sich diesem Thema in seinem Roman „ Hunde…“. Übrigens, der Roman über den Bauernaufstand, der in Rumänien zum Thema zuerst genannt wird ist „Der Aufstand“ von Liviu Rebreanu.
Hier in dieser Gegend ahnt man das Ende der Donau, und wir kommen aus dem üblichen geograhischen Gefüge, wenn wir uns vorstellen, wie ein Fluss auszusehen hat, hinaus, denn irgendwann „verschmilzt die Donau mit den Wiesen zu einem großen unentwirrbaren Wasserdschungel.” Bei Brăila, dort wo Istrati geboren ward, fließen zwei Donaustränge wieder zusammen, die zuvor eine 60 Kilometer lange Insel umflossen haben. Im Delta teilt sich die Donau wieder in verschiedene Haupt-und Nebenstränge, man könnt’ sich quasi mit einem Schiff darin verlieren, und irgendwann stehen wir vor der Frage, wo die Donau denn nun ins Schwarze Meer fließt. Doch das lassen wir lieber Claudio Magris erzählen, der wunderbar über das Ende der Donau zu erzählen weiß.
Fazit
Es wird dem Leser aufgefallen sein, dass ich kein Wort über Budapest verloren habe. Mich haben diese Kapitel inhaltlich kaum angesprochen, auch genervt wegen hochgekünstelt nichtssagender Schwafelei:
“Auch heute noch betritt der Flaneuer diese Archäologie von Glanz und Dunkelheit, die Verknüpfung von Stärke und Illusion, von hinreißender Poesie und pompöser Poetisierung der prosaischen Welt.”
Ich war dreimal in Budapest und verstehe nicht, warum man so gedehnt nichtssagend über diese Stadt was sagen kann. Warum Magris als Literaturwissenschaftler den Literatenkreis Nyugat ignoriert, ist nicht zu begreifen, und so ein schönes Café wie das Café New York in Budapest, habe ich selbst in Wien nicht gesehen. Dort trafen sich die großen Budapester Literaten. Thomas Mann war auch mal dort. Was die Künste in Ungarn betrifft, so sind die Ungarn besonders in der Literatur stark. In Deutschland kennen wir nur einiges (es gibt viel mehr als Márai
). Antiquarisch findet man vieles in älteren DDR-Ausgaben.
Ich halte es für völlig legitim, uninteressante Kapitel zu ignorien. Trotzdem ist das Buch unbedingt weiterzuempfehlen, weil es genügend interessantes zu bieten hat, außerdem, mit ansprechenden Literaturhinweisen angefüllt, lädt uns das Donaubuch in neue Romanwelten ein.
FINE
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Norman. G. Finkelstein: Die Holocaust-Industrie
17.9.2011 von mArtinus.
Norman G. Finkelstein will in diesem Buch darlegen, daß “DER HOLOCAUST” eine von Ideologie geprägte Darstellung der Massenvernichtung der Juden durch die Nazis ist. Finkelstein benutzt hier den Begriff HOLOCAUST für die „Holocaust-Industrie“, die aus dem Andenken der Naziverbrechen Geld macht und für Israel und die Juden in Amerika Vorteile herausschlägt. Für Finkelstein ist Elie Wiesel „offizieller Interpret DES HOLOCAUST …, weil er unbeirrbar die Dogmen DES HOLOCAUST artikuliert, und so die Interessen stützt, die hinter diesem stehen”. Die Dogmen der „Holocaust-Industrie“ lauten:
“(1)DER HOLOCAUST stellt ein absolut einzigartiges Ereignis der Geschichte dar; (2) DER HOLOCAUST steht für den Höhepunkt eines irrationalen ewigen Hasses der Nichtjuden gegenüber den Juden.”
Wenn darauf gepocht wird, die „Massenvernichtung der Juden durch die Nazis“ sei einzigartig gewesen, dann fallen Israel und die amerikanischen Juden unweigerlich in einen Opferstatus, daraus die Betroffenen Vorteile ziehen: Sie sind gegenüber Kritik immun, und wenn man Kritik übt, läuft man in Gefahr, in die antisemitische Ecke gedrückt zu werden. Das dritte Dogma ist der ewige Judenhass von Nichtjuden. Darum müssen Juden sich schützen, deshalb der Staat Israel geschaffen wurde.
“Nachdem die Nichtjuden ständig darauf aus sind, Juden zu ermorden, haben die Juden das uneingeschränkte Recht, sich zu schützen, wie es ihnen beliebt. Auf welche Mittel die Juden auch immer zurückgreifen mögen, selbst Aggression und Folter, sie stellen eine legitime Selbstverteidigung dar.”
Es ist eine Pauschalverurteilung zu sagen, Nichtjuden seien Judenhasser. Hier setzt auch Norman G. Finkelsteins Kritik zu Daniel Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“ ein, darin behauptet wird, der Antisemitismus sei bei den Nichtjuden im „Kopf zu Hause“ gewesen. Das deutsche Volk sei vom pathologischen Judenhass gewesen, Hitler habe den Deutschen Gelegenheit gegeben, sich auf die Juden zu stürzen (eine ausführliche Kritik Finkelsteins zum Buch von Daniel Goldhagen findet man in bei Norman G. Finkelstein/ Ruth Bettina Birn „Eine Nation auf dem Prüfstand“).
Der Holocaust mag einzigartig sein. „Auf der allgemeinsten Stufe ist jedes geschichtliche Ereignis einzigartig, und sei es nur, weil es zeitlich und räumlich festgelegt ist“, sagt Finkelstein. Außerdem ist ein geschichtliches Ereignis nicht wiederholbar. Aufgrund dieser Überlegungen gibt es keinen Grund, den Holocaust als besonders einzigartig hervorzuheben, aber die Juden wollen natürlich nicht ihren besonderen Opferstatus verlieren. Elie Wiesel sagt, der Holocaust sei nicht erklärbar. Wie soll mir ein Mensch erklären, dass ich es auch wirklich begreifen kann, warum Blauhelme beim Massaker von Srebrenica zugeschaut haben, warum ein hochentwickeltes Land wie die USA Atombomben auf Japan geworfen hat? Elie Wiesel betont gerne den besonderen Opferstatus der Juden und hat mit Yehuda Bauer vom Yad Vashem während der Planungsphase des Holocaust-Museums in Washington dafür gesorgt, dass der Genozid an den Sinti und Roma in den Hintergrund verdrängt werden soll. Die jüdische Elite glaubt wirklich, die Juden allein seien schon besonders einzigartig. Übrigens verhinderten jüdische Lobbyisten im Kongreß einen Gedenktag für den armenischen Genozid. Die USA hat das Problem, sich intensiv um die Erinnerung an den Holocaust zu erinnern, aber die Aufarbeitung eigener Menschheitsverbrechen, begonnen bei den Indianern, zu verdrängen.
ES GEHT UM GELD
Kommen wir zum vielleicht moralisch verwerflichsten überhaupt. Wie kassiere ich doppelt ab? Der Einsatz von Erpressung als Druckmittel. Die Entschädigungen kommen nur sehr gering an die Überlebenden des Holocaust an. Wundersam erscheint die plötzliche Vermehrung der Überlebenden, um noch mehr Geld einzustreichen. Die Geldeintreibungsmaschinerie amerikanisch jüdischer Organisation kennt keine Skrupel und ist umso schäbiger, weil dieser Wahn nach Geld auf Kosten derer geht, die Konzentrationslager überlebt haben.
Der Jüdische Weltkongress (WJC) erpresste Schweizer Banken, die viele Millionen Dollars von Juden vor und während des Krieges auf Konten deponiert hatten. !995 startete der WJC unter seinem Präsidenten Edgar Bronfman eine „schamlose Diffamierungskampagne“ , die ziemlich schnell „zu einer Verleumdung der Schweizer“ verkam. Elan Steinberg, geschäftsführender Direktor des WJC war beauftragt Desinformationen in die Welt zu setzen, Banken unter Druck zu setzen, damit die dem Jüdischen Weltkongress die vielen Millionen Dollars herausrückten. Leo Bower, auf dessen Buch „Das Gold der Juden“ sich Finkelstein bezieht, schrieb, dass „sein Land, dessen Bürger…sich…vor ihren Nachbarn ihres beneidenswerten Wohlstands gerühmt haben, sich ganz bewußt am Gold der Juden bereichert hat…die stillen Bankiers…aus der schönen, sauberen und neutralen Schweiz…gewissenlose Profiteure“ gewesen sein usw. Solche und andere Gerüchte streute der Jüdische Weltkongress in die Schweiz, als Krönung den Schweizern „eine fünfzig Jahre dauernde Verschwörung von Schweizern und Nazis“ unterstellte, „um von den europäischen Juden und Überlebenden des Holocaust Milliarden zu stehlen.“ (Bower in Finkelstein, Seite 99). Noch steigerungsfähig in Sachen Unmoral, griff der Jüdische Weltkongress zur moralichen Erpessung , in dem er den Banken vorjammerte, die Zeit liefe davon, man gräme sich des Elends bedürftiger Überlebender, zahlt endlich…und so weiter und so fort. Eine üble Masche, die Finkelstein ausführlich weitererzählt, ich nur einen kleinen Vorgeschmack davon geben kann Doch was machte die Holocaust-Industrie mit dem erpressten Geld? I Es wurde für den Eigenbedarf jüdischen Lebens verwendet, und die meisten Überlebenden schauten ins leere Portemonnaie. Um noch mehr Geld abzwacken zu können wurde herumgetrickst. Es wurde neu definiert, was ein Holocaust-Überlebender ist, und schon gab es noch viel mehr Überlebende als vorher, für die man Entschädigungsgelder einkassierte.. Der Beutezug ging weiter nach Deutschland, Österreich, Osteuropa. Ein Geldraub, der seinesgleichen sucht.
Fazit:
Was in dem Buch von Finkelstein zu kurz gekommen ist, sind die inneren Verflechtungen zwischen USA und Israel. Finkelstein komprimiert:
“Die organisierten Juden Amerikas haben den Massenmord der Nazis ausgebeutet, um Kritik an Israel und an ihrer eigenen unhaltbaren Politik abzuwehren”.
Die zweite Schwäche des Buches liegt in Finkelsteins Versuch darzulegen, dass die Holocaust-Industrie nach dem israelischen Krieg 1967 eingesetzte habe. Hier fehlt die Stringenz eines Historikers, der Finkelstein auch nicht ist, um dem Leser historische Vorgänge verständlich zu machen. Die Quellenlage ist in diesem ersten Kapitel auch nicht so doll. Danach, ab dem zweiten Kapitel, legt der Autor so richtig los und wird glaubwürdig. Alle Kritik, die für das erste Kapitel noch gegolten hat, löst sich auf, sodass das Buch zu einer lohnenswerten Lektüre wird.
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